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Roman „Das Schneckenhaus“ : Im syrischen Kerker

  • -Aktualisiert am

Blick auf Palmyra: Im Umfeld der antiken Stadt, hier auf einem Foto von 2009, betrieb das syrische Regime das Foltergefängnis Tadmor. Bild: AFP

Wo Beten streng verboten ist: Mustafa Khalifas schockierender autobiographischer Tatsachenroman „Das Schneckenhaus“ erzählt von einer zwölf Jahre langen Haft.

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          Gefängnisliteratur ist in der arabischen Welt ein weitverbreitetes Genre. Eine Art von Literatur, die immer Zeugnis ablegt, denn auch wenn die Autoren nie mit ihren Werken verwechselt werden sollten, darf man doch annehmen, dass viele Details ihrer Bücher mit einer Wirklichkeit übereinstimmen, die sie selbst erlebt oder von der sie zumindest gehört haben. So ist es auch bei Mustafa Khalifas Buch „Das Schneckenhaus“.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der 1948 in Syrien geborene Schriftsteller studierte Jura, schloss sich einer linken Oppositionspartei an und saß deswegen mehr als zwölf Jahre lang im Gefängnis von Tadmor. Sein Held, ein namenloser Syrer, der Filmregie in Paris studiert hat und bei seiner Rückkehr vom Flughafen weg verschleppt worden ist, verbringt ebenfalls zwölf Jahre in diesem Wüstengefängnis. Dass die Dinge sich dort so zugetragen haben, wie im Roman aus der Ich-Perspektive erzählt wird, wissen wir aus anderen Zeugenberichten, vor allem dem Dokumentarfilm „Tadmor“, den Monika Borgmann und Lokman Slim vor ein paar Jahren mit ehemaligen libanesischen Insassen dieses Gefängnisses drehten. Auch sie berichteten von der „Willkommensparty“: Neuankömmlinge wurden mit Händen und Füßen in einen Autoreifen gesteckt, dann mussten sie die Schläge auf ihre Fußsohlen zählen. Dreihundert oder mehr.

          Auch sie berichteten von Zellen mit einem vergitterten Loch in der Decke, durch das die Wächter immer beobachteten, wer gegen die Regeln verstieß – wer sich nachts bewegte oder aufs Klo ging, wurde „gekennzeichnet“. Und am nächsten Tag mit Hunderten Schlägen bestraft. Auch sie erzählten von ständigen Peitschenhieben, beim Duschen, beim Essenholen, beim Hofgang. Von brutaler Folter, Demütigungen, Hinrichtungen. Einer der Männer aus dem Film hatte fünf Jahre in einer Einzelzelle verbracht. Dort hat er mit den Ameisen gesprochen aus Angst, dass die anderen Menschen ihn nicht mehr verstehen würden, wenn er herauskäme. Aus Angst, er könnte seine Sprache verlieren.

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          Gewissermaßen sitzt auch der Ich-Erzähler bei Mustafa Khalifa in Isolationshaft. Zwar teilt er sich die Zelle mit Dutzenden Gefangenen, aber weil er Christ ist und noch dazu Atheist, meiden ihn die anderen, die meist zu den Muslimbrüdern gehören. Jahrelang spricht niemand ein Wort mit ihm. Er verkriecht sich in ein Schneckenhaus, das aus dem Hass der anderen und aus seiner Angst vor ihnen besteht. „Aber in der harten Mauer meines Schneckenhauses öffnete ich ein Fenster und begann, von innen heraus heimlich in die Zelle zu spähen und sie zu beobachten. Das war das Einzige, was ich tun konnte.“ Bald allerdings kommt hinzu, dass er auch aus der Zelle hinausblicken kann, durch ein Loch in der Wand in den Gefängnishof, in dem regelmäßig Gefangene zum Galgen geführt werden. Er beobachtet alles. Auch sich selbst.

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