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: Im Schiffsgarten Gottes

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Man braucht schon ein sehr gutes Lexikon, wenn man wissen will, wer Georg Meister und Franz Maria Kapf, Franz Wilhelm Junghuhn und John Hagenbeck gewesen sind; und selbst dort suchte man jenen Leonhard Hagebucher vergebens, den es außerhalb der Buchdeckel gar nicht gegeben hat. Von diesen "Männern ...

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          Man braucht schon ein sehr gutes Lexikon, wenn man wissen will, wer Georg Meister und Franz Maria Kapf, Franz Wilhelm Junghuhn und John Hagenbeck gewesen sind; und selbst dort suchte man jenen Leonhard Hagebucher vergebens, den es außerhalb der Buchdeckel gar nicht gegeben hat. Von diesen "Männern aus zweiter Reihe" erzählt Felicitas Hoppe in ihren fünf Seefahrer- und Abenteuergeschichten: von vergessenen Gestalten aus drei Jahrhunderten, die sich aufmachen, um das Glück zu suchen, die als Jäger hinausziehen und als Beute zurückkehren. Am Ende, so lautet eins der Leitmotive, "am Ende legt alles Hand an sich selbst, weil das in Deutschland so üblich ist".

          In die weite Welt wollen sie hinaus, diese sonderbaren Gesellen, und deshalb eilen sie auf die Schiffe - diese "Herbergen für alle, die der Heimat für immer entkommen wollen, Verbrecher und Versager, Duellanten und Selbstmörder, die Fremdenlegion nimmt sie alle. Und wer seinen Namen vergessen hat, wählt aus einer endlosen Fülle von Namen unbeschwert einen anderen aus, der ihm in Zukunft am besten gefällt." Es sind im Wortsinn wunderbare Geschichten, die hier von diesen Entlaufenen zu lesen sind. "Tigertiere und Rhinoceroten" gibt es da zu sehen, "Clapperbäume", Seelen- und Schattenverkäufer, Sklavenhändler und Rebellen. Und immer flackert im Hintergrund das Wetterleuchten der Weltgeschichte. Die Französische Revolution und Napoleons Kriegszüge, Boxeraufstand, Burenkrieg, Weltkrieg: Das sind die Horizonte, denen die Glücksritter nicht entkommen.

          Zuweilen sehen sie dabei geradezu aus wie Parallelfiguren berühmterer Helden. Als ein Schatten und "Zwilling von Schiller" erlebt dessen Jugendfreund Franz Kapf zwischen Karlsschule und Soldatenhandel, wie Menschen zu Marionetten der absolutistischen Herren werden, Figuren in einem Weltspiel, das "Hombre" heißt und dieser Geschichte den Titel gibt. Der naturwissenschaftliche Apostel Junghuhn wird geboren im Mansfeld Martin Luthers; sein Grabstein wird ihn dann den "Humboldt von Java" nennen. Der "Tropenspion" John Hagenbeck tritt auf als jüngerer Bruder des berühmten Carl; am Ende seiner Laufbahn wird er statt der Menagerien und Völkerschauen Kino-Illusionen kolonialer Paradiese erfinden, ein Pionier des "Tropenfilms".

          Georg Meister, der barocke "Schiffsgärtner Gottes aus Sonderhausen", der nach Afrika, nach Batavia und Japan reist: Dieser fromme Mann ist ihr Ahnvater. Wie sie alle bricht er auf aus einer deutschen Provinz, wird verschlagen in jene weiten Welten jenseits der Ozeane, die jeder vom Hörensagen kennt und die nur die Wagemutigen mit eigenen Augen sehen. Wie sie wird er zum Abenteurer unter phantastischen Berufsbezeichnungen wie eben der eines Schiffsgärtners (tatsächlich versorgt er die Mannschaften gegen den drohenden Skorbut mit seinem an Deck geernteten Gemüse), als treuer Diener seiner wechselnden Herren und als heimlich spionierender Kundschafter auf eigene Faust. Schon er ist ein entlaufener Künstler; allein sein Ende ist vergleichsweise freundlich und sanft: der Schiffsgärtner Gottes stirbt als Orientalischer Kunst- und Lustgärtner zu Dresden.

          Auch die religiöse Tönung, die den Schiffs- als entlaufenen Paradiesgärtner erscheinen läßt, wird in zeitgemäßen Varianten durch alle fünf Geschichten dieselbe bleiben. Jeder dieser Helden neigt auf die eine oder andere Weise dazu, das Jenseits-des-Meeres mit einem jeweils neu imaginierten Jenseits schlechthin zu verwechseln. Der vom barocken Georg Meister als Großer Gärtner geglaubte Gott erscheint dem verkauften Soldaten Kapf als geselliger Marschierer und Kartenspieler. Für den tropenreisenden Naturforscher Junghuhn ist er eins mit der Allnatur und offenbart sich in der Vulkanasche oder in einer von ihm entdeckten Wundermedizin namens Chinin. John Hagenbeck opfert, in Deutschlands Tropenkolonien, dem dionysischen "Gott der Wildnis" und sieht ihn staunend sich wandeln zum Kriegsgott, der alles zerstört.

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