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: Im Schaumbad der Erinnerungen

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Unter den etlichen Werken des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers Harold Pinter befindet sich auch ein geglücktes Drehbuch. Pinter schrieb es 1970 für die Verfilmung von "The Go-Between", eines Romans des englischen Schriftstellers Leslie Poles Hartley. Der war gut zwanzig Jahre zuvor erschienen und ...

          Unter den etlichen Werken des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers Harold Pinter befindet sich auch ein geglücktes Drehbuch. Pinter schrieb es 1970 für die Verfilmung von "The Go-Between", eines Romans des englischen Schriftstellers Leslie Poles Hartley. Der war gut zwanzig Jahre zuvor erschienen und begann mit einem Satz, der sprichwörtlich geworden ist, auch wenn das Buch selbst in Vergessenheit geriet: "Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, und dort lebt man anders." Hartley hatte den englischen Gesellschaftsroman schlechthin geschrieben, einen sandfarbenen Stoff, wie maßgeschneidert für Ismael Merchant und James Ivory und ihre Serie weichgezeichneter Kostümfilme à la "Maurice" oder "Zimmer mit Aussicht" aus den frühen achtziger Jahren - nur leider war Pinter ihnen zuvorgekommen.

          Genau zehn Jahre nach "The Go-Between", 1963, erschien der zweite Roman der höheren Tochter und Journalistin Sybille Bedford, "Ein Liebling der Götter". Und wie bei Hartley, so war auch bei ihr die erzählte Welt längst historisch geworden. Wie anders man im fremden Land Vergangenheit lebte, davon wollte das Buch berichten. Da wird nach der Mitternachtsmesse zum Londoner Heiligabend des Jahres 1914 "eine sehr heiße soupe à l'oignon gratinée und ein vorzüglicher Champagner" serviert, und "weil es immer ein Vergnügen ist, solche Dinge der Nachwelt zu überliefern: Es war Krug 1904, und wegen der Zwiebelsuppe war er extradry, nicht brut, und man konnte trinken, soviel man wollte."

          Nostalgie, das Vergnügen der Nachwelt, gerät nie aus der Mode: Anfang der fünfziger, Anfang der sechziger, Anfang der siebziger und auch Anfang der achtziger Jahre hat man sich also derselben Ära erinnert. Doch während Hartleys großartiger Roman leider auf deutsch immer noch vergriffen ist, erscheint Sybille Bedfords nicht weniger großartiges Buch jetzt, Anfang des 21. Jahrhunderts, in einer erstklassigen Neuübersetzung. Es ist damit doppelt historisch geworden: Denn wenn die Vergangenheit, die "Ein Liebling der Götter" beschreibt, schon 1963 längst abgeschlossen war, so ist sie heute geradezu verriegelt.

          Eine heile Welt war sie allerdings nie, auch bei Hartley nicht. Beide Romane beschreiben eine von Konventionen und Etikette umstellte Gesellschaft, aus der bei Sybille Bedford die Frauen nur mit Mühe ausbrechen. Bei Leslie Poles Hartley endet der Versuch in Skandal und Zerfall und Tod. Vielleicht hat das ja den kritischen Harold Pinter daran interessiert.

          Sybille Bedfords sehr autobiographischer Roman spielt also um die Jahrhundertwende und in der Zeit danach, jedenfalls lange vor dem Zweiten Weltkrieg, der für immer jene europäischen Kreise zerstörte, die Menschen wie Sybille Bedford und ihre Romanfiguren hervorbrachten: 1911 war Sybille geboren worden, in Charlottenburg und nicht etwa in Berlin: Damals war das noch ein Unterschied, auf den man achtete. Ihre englische Mutter nahm sie bald nach der Trennung vom Vater, dem Baron Maximilian von Schönebeck, zu sich. Da war sie zehn Jahre alt.

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