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: Im schäumenden Licht der Zeit

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Ein abgegriffenerer Titel wäre schwerlich auszudenken. Welcher beliebige Roman ließe sich nicht mit diesem verheißungsvollen Wort ankündigen? Bei Toni Morrison jedoch, die solche knappen, eingängigen Titelchiffren schätzt, sollte man sich auf anderes gefaßt machen. Denn "Liebe" erzählt viel mehr ...

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          Ein abgegriffenerer Titel wäre schwerlich auszudenken. Welcher beliebige Roman ließe sich nicht mit diesem verheißungsvollen Wort ankündigen? Bei Toni Morrison jedoch, die solche knappen, eingängigen Titelchiffren schätzt, sollte man sich auf anderes gefaßt machen. Denn "Liebe" erzählt viel mehr von so gewaltigen Passionen, wie sie der Phantomschmerz aus früh zerstörtem Glück hervortreibt: von glühender, inniger und grimmer Feindseligkeit, die eben auch eine Art Seligkeit sein kann. Wem das Liebste erst genommen und dann zum Rivalen wird, dem bleibt als Ausdruck unverbrüchlicher Verbundenheit immer noch der Haß, wie es hier heißt, "so rein, so feierlich, daß er sich schön anfühlt, fast heilig". Nüchterner läßt sich Raserei kaum schildern: "Deshalb gedeihen die besten Feindschaften ja auch in den Familien. Dort finden sich die Zeit und die Gelegenheit, die geliebte Niedertracht mit Butter und Honig zu bestreichen." Und während man noch derart ungeheuerlichen Sätzen nachschmeckt, versteht man bald, warum dieser lebenskluge, lebenswunde Roman nicht anders als "Liebe" heißen kann.

          Eine Familiengeschichte also, angesiedelt in einem kleinen Küstenort im amerikanischen Süden. Jahrzehntelang dreht sich dort alles Leben um Bill Cosey, einen schwarzen Patriarchen, Geschäfts- und Lebemann, der ein elegantes Strandhotel mit Seebad führt und so der aufstrebenden schwarzen Mittelschicht genau das mondäne Gesellschaftsvergnügen bietet, von dem sie ansonsten ausgeschlossen bleibt. Herrscher über einen Hofstaat aus Musikern, Köchin, Kellnern sowie Zimmermädchen, verspricht er den illustren Gästen mit seinem Wahlspruch "die schönstmögliche schöne Zeit". Doch früh schon fallen tiefe Schatten in das Reich dieses Sonnenkönigs, als erst die Frau und dann der Sohn sterben. Zwar bleiben ihm Enkelin und Schwiegertochter wie auch noch weitere Geliebte; Glück und Zeiten aber haben sich gewendet. Nicht anders als in einer antiken Tragödie kommt das Unheil schließlich in der Unordnung der Generationen zum Ausbruch: Cosey heiratet die beste Freundin seiner Enkelin. Als Elfjährige nötigt er sie ihren Eltern ab. Die Familienbande haben sich verwirrt und fesseln alle Überlebenden fortan in um so engere, fatalere Verbindungen.

          In dieses klebrige Geflecht dringen wir als Leser allerdings erst ganz allmählich vor. Mit immer neuen Annäherungen aus Erinnertem, Verdrängtem und Geahntem präsentieren die Erzählstimmen nie mehr als Fetzen der Familienchronik, die wir erst nach und nach zusammenflicken können. In immer obsessiveren Bewegungen umkreist der Roman so sein kalt glühendes Zentrum und gibt erst ganz zum Ende preis, woraus die Hauptfiguren ihre Energie gewinnen. Doch was alles bei dieser Fährtenlese im Gedächtnislabyrinth wie beiläufig zur Sprache kommt, ist so reichhaltig und so erstaunlich, daß man fast wünscht, noch lange nicht an dieses Ende zu gelangen.

          Trotz der erzählerischen Opulenz setzt die Autorin klug auf strenge Eingrenzung von Personal und Schauplatz, damit auch der Versuchsaufbau tatsächlich überschaubar bleibt. Wenn die Handlung einsetzt, ist Cosey schon über zwei Jahrzehnte tot und treibt doch als Phantom die Nachwelt um. Familie, Fremde, Freunde, Nachbarn spüren seiner Wirkung nach; selbst die Stimme der verstorbenen Köchin meldet sich - wie oft bei Morrison - mit ihrer heimlichen und überlegenen Sicht auf die Geschehnisse zu Wort. Das zentrale Interesse aber richtet sich auf zwei alternde Frauen: Untote auch sie, allein gelassen von der Welt, verkrallen sie sich hassend ineinander und heften sich wie Kletten an die Jüngeren, um sie sich zu Verbündeten zu machen. Alle Gegenwart wird ihnen machtvoll vom Vergangenen überspült, ganz wie ein Sandstrand, dem die Wellen unerbittlich ihre eigene Musterung aufprägen. Hier ist dieser Roman ganz bei sich, mehr Kammerspiel als epische Familiensaga, dessen suggestive Kraft in der Beschränkung wächst.

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