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: Im Literatur-Leistungskurs

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Juli Zeh ist die Autorin des Augenblicks. Die 1974 geborene Schriftstellerin hat seit dem Erfolg ihres Debütromans "Adler und Engel" (2001) die nach der Popliteraturbaisse vakante Planstelle des Fräuleinwunderfräuleins eingenommen und sich als Stimme der jüngeren Generation etabliert. Durch ihre parallel ...

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          Juli Zeh ist die Autorin des Augenblicks. Die 1974 geborene Schriftstellerin hat seit dem Erfolg ihres Debütromans "Adler und Engel" (2001) die nach der Popliteraturbaisse vakante Planstelle des Fräuleinwunderfräuleins eingenommen und sich als Stimme der jüngeren Generation etabliert. Durch ihre parallel zur Literatenlaufbahn verfolgte Juristenausbildung gilt sie als natürliche Mittlerin zwischen Poesie und Wirklichkeit und daher als ideale Kandidatin für Schriftstellerumfragen über Gott und die Welt. Kaum ein aktuelles Thema, zu dem sie nicht eine Meinung hat und kundtun darf: sei es der Krieg in Bosnien (über den sie einen Reisebericht verfaßte), die Inflation der Ich-Perspektive (sie selbst schreibt mutig auktorial), das Jammern der Ostdeutschen (sie selbst stammt aus Bonn), die Pornographisierung der Kunst (ihre Romanhelden stehen wirklich nicht auf Sex) oder das Verschwinden der politisch engagierten Literatur (mit einer wichtigen, leicht zu erratenden Ausnahme).

          Mit ihrem neuen Roman "Spieltrieb" trifft sie abermals den Puls der Zeit: Eine Schüler-und-Lehrer-Tragödie, angesiedelt an einem Bonner Privatgymnasium, darf in Zeiten von Littleton und Erfurt, Bildungsdebatte und Pisa-Schock mit besonderem Interesse rechnen. Hauptfigur ist die vierzehnjährige Ada, ein hochbegabtes, zugleich fast autistisch-eigenbrötlerisches Mädchen, für die das "Ernst Bloch" nach dem Verweis von ihrer früheren Schule die letzte Chance ist. Mit ihrer einschüchternden Bildung - sie hat sich als Kind durch die elterliche Bibliothek gefressen und alles behalten - und ihrer Schlagfertigkeit, die Aphorismen fertigt wie andere in ihrem Alter Papierkügelchen, wird sie rasch zum Schrecken der naiv-hübschen "Prinzessinnen" ihrer Stufe und Liebling gerade der gefürchteten Lehrer: vor allem des zynischen Geschichtslehrers "Höfi" und des ehrgeizigen Smutek (Deutsch und Sport), eines polnischstämmigen und attraktiven Mannes, der von seinem ersten Leistungskurs und einer neuen Tartanbahn träumt und dabei Ada eine zentrale Rolle zugedacht hat. Denn sie denkt nicht nur, sie läuft auch am schnellsten - das häßliche Entlein als Klassenbeste und Sportskanone.

          Mit Beginn der elften Klasse bringt ein neuer Schüler die Gruppendynamik der Jahrgangstufe durcheinander: Alev El Qamar, Halb-Ägypter, Viertel-Franzose, ein kosmopolitischer und charismatischer Dandy, den Ada sofort als Seelenverwandten erkennt - wenn die beiden selbsternannten "Urenkel der Nihilisten" an die Existenz einer Seele noch glauben würden. Doch während Ada nur ihren Haß auf Dummheit kultiviert, spielt Alev die Rolle eines mephistophelischen Versuchers, der seine Mitmenschen als Marionetten auf seiner Privatbühne betrachtet. Nachdem er Ada in seinen Bann gezogen und mit speziellen Lektüren auf Höheres vorbereitet hat, macht er sie zur Komplizin. Smutek wird von seiner Lieblingsschülerin in der Turnhalle verführt und hinterher mit Fotos erpreßt.

          Daß dieses "Spiel" ohne jedes Motiv auskommt, ist gerade sein Witz: Die Vernichtung einer Existenz ist purer Selbstzweck, Produkt der nachmittäglichen Schüler-AG "L'art pour l'art". Man tut es, weil es möglich ist und keine moralischen Skrupel näherer Überprüfung standhalten, so der nietzscheanisch zurechtgestrickte Kommentar, der als Lebensgefühl der jüngeren Generation erscheint. Nach einer spektakulären Wendung kommt es zu einem Gerichtsverfahren, das Ada zu einem Plädoyer in eigener Sache, dem pathetischen Manifest einer neuen, freigeistigen Epoche, nutzt.

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