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: Im gurgelnden Chaos

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Vermeintliche Darstellungstabus wie Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg hat er schon ganz früh gebrochen, ohne daß dies gewürdigt wurde. Mit "Alles umsonst" rundet Walter Kempowski sein Lebenswerk ab. Walter Kempowski, der im "Echolot" einen gewaltigen Chor von Zeitzeugenstimmen dirigierte, um den ...

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          Vermeintliche Darstellungstabus wie Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg hat er schon ganz früh gebrochen, ohne daß dies gewürdigt wurde. Mit "Alles umsonst" rundet Walter Kempowski sein Lebenswerk ab. Walter Kempowski, der im "Echolot" einen gewaltigen Chor von Zeitzeugenstimmen dirigierte, um den Schrecken und Leiden des Zweiten Weltkriegs zum bleibenden Ausdruck zu verhelfen, will dem Inferno des Winters 1945, dem das "Echolot" in einer "Fuga furiosa" vier Bände widmete, nun noch einmal in individueller Autorschaft beikommen: "Wenn die Menschheit schon leidet, dann soll das auch zu Buche schlagen", heißt es an einer Stelle seines neuen Romans.

          "Alles umsonst" spielt auf einem Gutshof in Ostpreußen, im Januar 1945, vor dem Donnergrollen der näherrückenden Ostfront. Hier lebt Katharina von Globig, eine verträumte Schönheit, mit ihrem zwölfjährigen Sohn Peter, dem Kempowski eigene Züge verliehen hat. Für die rauheren Burschen aus der nahen Schlageter-Siedlung ist Peter ein allzu feines "Plutokratenjüngelchen". Der Ertüchtigung bei der Hitler-Jugend kann er sich dank hartnäckiger Erkältungen entziehen. Meistens ist er mit seinem Weihnachtsgeschenk beschäftigt, einem Mikroskop, das den Forschergeist stimuliert.

          Die Schule fällt bereits aus, aber Studienrat Wagner, ein homophil tingierter Bildungsphilister, läßt seinen Lieblingsschüler nicht im Stich. Mit pädagogischem Eros und Wandervogelgesinnung läuft der Siebzigjährige täglich durch Schnee und Eis die vier Kilometer nach Georgenhof. Neuerdings kommen immer mehr Bauernwagen vorbei, hoch mit Hausrat beladen, Richtung Westen. Täglich wird dieser Zug anschwellen. Und die "Fremdarbeiter", die den Gutsbetrieb bisher am Laufen hielten - "Gesochs", vor dessen Diebesgesinnung und übermäßiger Sinnlichkeit der Volksdeutsche auf der Hut zu sein hat -, stecken desto öfter die Köpfe zusammen, je vernehmlicher es im Osten rumpelt.

          Während sich die Zeichen des Unheils mehren, versucht man auf dem Georgenhof mit Erfolg, worauf sich so viele Deutsche in jenen Jahren gut verstanden: die Realität nicht an sich heranzulassen. Kultur hilft dabei, vor allem die Musik. Wo sie gegenwärtig ist, ist die Gegenwart eine Weile vergessen. Im zweiten Kapitel stellt sich unversehens eine junge Geigerin ein, die gerade von der Truppenbetreuung kommt, ein forsches, wenn auch ideologisch verseuchtes Mädel. Und bald gesellt sich ein Soldat hinzu, der sie auf dem Klavier begleitet, wenn auch nur mit einer Hand: "Die andere hatte man ihm amputiert." Das Hauskonzert findet auch unter erschwerten Bedingungen statt. Das sind Szenen von gespenstischer Heiterkeit.

          Detailreich wird die Idylle im Auge des Orkans geschildert: wie sich das schlesische "Tantchen", in dessen Zimmer es nach "reifen Äpfeln und verwesenden Mäusen" riecht, die Wärmflasche macht. Noch als der Feuerschein bereits am Horizont zu sehen ist, wird Schnee gefegt, als wäre alles wie immer. Man braucht so lange dafür, sich mit dem Gedanken an die Flucht anzufreunden, bis es fast zu spät ist. Muß man nicht den offiziellen Bescheid abwarten? Und soll man, bevor man sich auf den Weg macht, noch einmal die Vorhänge waschen?

          Kempowski gelingen Zeittypen wie der gestrenge Herr Drygalski, Parteigenosse der ersten Stunde. Das ihm gewidmete Kapitel entwickelt sich zum Bewußtseinsstrom eines kleinen Nationalsozialisten, der sogar die Schneemänner vor den Häusern defätistisch findet: "Irgendwann lassen die dann eben doch den Kopf hängen und sacken in sich zusammen." Drygalski war Kolonialwarenhändler, der in der Weltwirtschaftskrise alles verloren hatte. Nach Jahren des Elends machten die Nazis ihn zum "Oberwart" in der Deutschen Arbeitsfront. "Endlich ging es aufwärts."

          Auch wenn der Autor hier mit Ironie im Hintergrund waltet - bei Kempowski bestimmt keine pädagogische Perspektive den Blick auf die Vergangenheit. Geschichte wird bei ihm kontaminiert mit den Phrasen der Epoche dargestellt. Auch die heute indiskutablen Gesinnungen und Gefühle gilt es zu überliefern. Vor allem mittels der virtuos praktizierten erlebten Rede versetzt sich das Buch in den Bewußtseinszustand des Jahres 1945 mitsamt seinen Verblendungen. Oft werden die Floskeln, mit denen sich die Menschen das unbekömmliche Schicksal mundgerecht machten, mit Fragezeichen als Markierungen einer fundamentalen Verunsicherung versehen. Man könnte geradezu von einer Poetik des Geredes und einer Kunst des Fragezeichens sprechen.

          Einige Beispiele: Eberhard von Globig, Katharinas Man, hatte als Offizier mit der "Ausschöpfung des östlichen Wirtschaftsraumes" zu tun, bevor er nach Italien verlegt wurde. "Die Ukraine, Weißrußland. Da war allerhand zu holen gewesen." Es hagelt Euphemismen. "Sachen, die doch an sich gar nicht nötig waren?", raunt Wagner über die Verbrechen im Osten. Von den Russen keine Schonung zu erwarten, meint ein anderer; denn "wir Deutsche sind ja auch kein Kind von Traurigkeit". Verbreitet ist die Auffassung, daß Hitler die Russen nur ein Stückchen ins Land hineinlasse, um dann "den Sack" zuzuziehen.

          Indem er sich ganz der Figurenperspektive überläßt, gelingt es Kempowski darzustellen, wie der normale Alltag und der methodisch gewordene Irrsinn im "Dritten Reich" gutnachbarlich zusammenlebten. Da ist die Rede von Katharinas schwangerer Freundin Felicitas. Ihr Mann "lag in Graudenz . . . Hatte es dort in der Festung mit deutschen Drückebergern zu tun. ,Die werden natürlich alle erschossen', hatte er erzählt. Felicitas hätte ihn natürlich besuchen können, aber in diesem elenden Nest, wo es noch nicht einmal ein Kino gab?"

          Bisweilen gelingen Szenen von genialischer Lakonie. Die Globigs sitzen zusammen mit den neuerdings auch bei ihnen einquartierten Flüchtlingen: "Spät in der Nacht senkte man dann doch die Stimme bis zum Gewisper: Von Juden wurde geredet. ",Das rächt sich.' - ,Ich halte nichts von diesen Brüdern, aber. . .' - ,Naja, Schwamm drüber.'" So muß man es sich wohl vorstellen, das "Wissen", von dem später so viele nichts mehr gewußt haben wollen.

          Kempowski verfolgt eine Ästhetik der Archivierung, die Lebensformen inventarisiert, bis hin zu den Schlagern und Filmen, die noch den Untergang versüßten. Mit der Handlung läßt sich das Buch dagegen Zeit. Sie kommt in Gang, als Katharina von Globig einen verfolgten Mann für eine Nacht versteckt. Nicht aus Widerstandswillen oder Humanität, sondern weil sie es dem Pfarrer nicht abschlagen kann und es mit einem Abenteuer verwechselt. Es ist ein "kleiner Jude", der einige Tage später aufgegriffen wird und, entsprechend "verhört", alles gesteht. Katharina von Globig wird verhaftet.

          Der einzelne ist nur ein Sandkorn auf der Schaufel der Historie. Kempowski will Geschichte erfahrbar machen als Mahlstrom der Schicksale. Die Geschichtsschreibung erzählt im geordneten Rückblick, er dagegen versucht, im "Echolot" ebenso wie im letzten Viertel dieses Romans, das "gurgelnde Chaos" des Jahres 1945 abzubilden, von dem er im Notizband "Culpa" gesprochen hat: die Todesmärsche von KZ-Häftlingen (Katharina von Globig darunter); die endlosen, von Tieffliegern attackierten Flüchtlingstrecks; die Verwundeten und Toten am Straßenrand, meistens Kinder und Alte; die desorganisierten Kolonnen der Soldaten; die von den "Kettenhunden" liquidierten Deserteure, Plünderer und "Feiglinge". Und mittendrin unsere pittoresken Hauptfiguren. Sie stehen mit einem Bein noch im beschaulichen neunzehnten Jahrhundert und werden nun mit der lapidaren Brutalität des zwanzigsten beseitigt.

          Kempowski tut allerdings gut daran, die Katastrophe romantechnisch hinauszuschieben. Denn er ist ein Autor des Alltags; die Schilderung des Ausnahmezustands ist nicht seine Stärke. Eindringlich beschreibt er, wie Menschen unter extremen Bedingungen ihr gewohntes Leben aufrechtzuerhalten suchen. Eine trockene Komik des Inkommensurablen ist in Kempowskis Romanen wirksam; in keinem so wie in hier. Der Erzähler versteht sich darauf, über Abgründe hinwegzuplaudern. Aber wenn es den Abgrund des Infernos endlich zu schildern gilt, wirkt der Parlando-Ton bisweilen inadäquat.

          Das Pathos von Furcht und Mitleid, das im "Echolot" so überwältigend funktionierte, bleibt außen vor. Vielmehr wirkt es forciert und dürr, wenn Kempowski prinzipiell nie mehr als einen Satz auf einen Todesfall verwendet. Das Tantchen wird von der Kutsche gebombt, ihre Brust aufgerissen. Fast möchte man mit einer legendären Kempowski-Sentenz bemerken: "Was das nun wieder soll?!" Gewiß sind Leichen ein gewohnter Anblick geworden, kaum der Rede wert. Aber muß Peter sein Mikroskop aufstellen, um das Blut der Tante zu untersuchen? Bei einem toten Mädchen interessieren ihn die Strapsbeine. An seine inhaftierte Mutter verschwendet er keinen Gedanken. Er wirkt wie anästhesiert. Das mag der Situation entsprechen, aber es schadet der Einfühlung des Lesers.

          Mit Recht hat sich Kempowski darüber geärgert, wenn andere (gemeint war vor allem Grass) dafür gelobt wurden, daß sie vermeintliche Darstellungstabus wie Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg gebrochen hätten - als gäbe es nicht die "Deutsche Chronik" und das "Echolot", in dem auch die Tragödie der "Wilhelm Gustloff" breiten Raum einnimmt. Jetzt gibt es auch "Alles umsonst", einen das Lebenswerk rundenden Roman, der über weite Strecken, solange er ein Endspiel als Kammerspiel sein will, große Literatur bietet, und nur am Ende, wenn er ins Große strebt, ein bißchen zu klein geraten ist.

          Walter Kempowski: "Alles umsonst". Roman. Knaus Verlag, München 2006, 383 S., geb., 21,95 [Euro].

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