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: Im gurgelnden Chaos

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Der einzelne ist nur ein Sandkorn auf der Schaufel der Historie. Kempowski will Geschichte erfahrbar machen als Mahlstrom der Schicksale. Die Geschichtsschreibung erzählt im geordneten Rückblick, er dagegen versucht, im "Echolot" ebenso wie im letzten Viertel dieses Romans, das "gurgelnde Chaos" des Jahres 1945 abzubilden, von dem er im Notizband "Culpa" gesprochen hat: die Todesmärsche von KZ-Häftlingen (Katharina von Globig darunter); die endlosen, von Tieffliegern attackierten Flüchtlingstrecks; die Verwundeten und Toten am Straßenrand, meistens Kinder und Alte; die desorganisierten Kolonnen der Soldaten; die von den "Kettenhunden" liquidierten Deserteure, Plünderer und "Feiglinge". Und mittendrin unsere pittoresken Hauptfiguren. Sie stehen mit einem Bein noch im beschaulichen neunzehnten Jahrhundert und werden nun mit der lapidaren Brutalität des zwanzigsten beseitigt.

Kempowski tut allerdings gut daran, die Katastrophe romantechnisch hinauszuschieben. Denn er ist ein Autor des Alltags; die Schilderung des Ausnahmezustands ist nicht seine Stärke. Eindringlich beschreibt er, wie Menschen unter extremen Bedingungen ihr gewohntes Leben aufrechtzuerhalten suchen. Eine trockene Komik des Inkommensurablen ist in Kempowskis Romanen wirksam; in keinem so wie in hier. Der Erzähler versteht sich darauf, über Abgründe hinwegzuplaudern. Aber wenn es den Abgrund des Infernos endlich zu schildern gilt, wirkt der Parlando-Ton bisweilen inadäquat.

Das Pathos von Furcht und Mitleid, das im "Echolot" so überwältigend funktionierte, bleibt außen vor. Vielmehr wirkt es forciert und dürr, wenn Kempowski prinzipiell nie mehr als einen Satz auf einen Todesfall verwendet. Das Tantchen wird von der Kutsche gebombt, ihre Brust aufgerissen. Fast möchte man mit einer legendären Kempowski-Sentenz bemerken: "Was das nun wieder soll?!" Gewiß sind Leichen ein gewohnter Anblick geworden, kaum der Rede wert. Aber muß Peter sein Mikroskop aufstellen, um das Blut der Tante zu untersuchen? Bei einem toten Mädchen interessieren ihn die Strapsbeine. An seine inhaftierte Mutter verschwendet er keinen Gedanken. Er wirkt wie anästhesiert. Das mag der Situation entsprechen, aber es schadet der Einfühlung des Lesers.

Mit Recht hat sich Kempowski darüber geärgert, wenn andere (gemeint war vor allem Grass) dafür gelobt wurden, daß sie vermeintliche Darstellungstabus wie Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg gebrochen hätten - als gäbe es nicht die "Deutsche Chronik" und das "Echolot", in dem auch die Tragödie der "Wilhelm Gustloff" breiten Raum einnimmt. Jetzt gibt es auch "Alles umsonst", einen das Lebenswerk rundenden Roman, der über weite Strecken, solange er ein Endspiel als Kammerspiel sein will, große Literatur bietet, und nur am Ende, wenn er ins Große strebt, ein bißchen zu klein geraten ist.

Walter Kempowski: "Alles umsonst". Roman. Knaus Verlag, München 2006, 383 S., geb., 21,95 [Euro].

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