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: Im gurgelnden Chaos

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Kempowski gelingen Zeittypen wie der gestrenge Herr Drygalski, Parteigenosse der ersten Stunde. Das ihm gewidmete Kapitel entwickelt sich zum Bewußtseinsstrom eines kleinen Nationalsozialisten, der sogar die Schneemänner vor den Häusern defätistisch findet: "Irgendwann lassen die dann eben doch den Kopf hängen und sacken in sich zusammen." Drygalski war Kolonialwarenhändler, der in der Weltwirtschaftskrise alles verloren hatte. Nach Jahren des Elends machten die Nazis ihn zum "Oberwart" in der Deutschen Arbeitsfront. "Endlich ging es aufwärts."

Auch wenn der Autor hier mit Ironie im Hintergrund waltet - bei Kempowski bestimmt keine pädagogische Perspektive den Blick auf die Vergangenheit. Geschichte wird bei ihm kontaminiert mit den Phrasen der Epoche dargestellt. Auch die heute indiskutablen Gesinnungen und Gefühle gilt es zu überliefern. Vor allem mittels der virtuos praktizierten erlebten Rede versetzt sich das Buch in den Bewußtseinszustand des Jahres 1945 mitsamt seinen Verblendungen. Oft werden die Floskeln, mit denen sich die Menschen das unbekömmliche Schicksal mundgerecht machten, mit Fragezeichen als Markierungen einer fundamentalen Verunsicherung versehen. Man könnte geradezu von einer Poetik des Geredes und einer Kunst des Fragezeichens sprechen.

Einige Beispiele: Eberhard von Globig, Katharinas Man, hatte als Offizier mit der "Ausschöpfung des östlichen Wirtschaftsraumes" zu tun, bevor er nach Italien verlegt wurde. "Die Ukraine, Weißrußland. Da war allerhand zu holen gewesen." Es hagelt Euphemismen. "Sachen, die doch an sich gar nicht nötig waren?", raunt Wagner über die Verbrechen im Osten. Von den Russen keine Schonung zu erwarten, meint ein anderer; denn "wir Deutsche sind ja auch kein Kind von Traurigkeit". Verbreitet ist die Auffassung, daß Hitler die Russen nur ein Stückchen ins Land hineinlasse, um dann "den Sack" zuzuziehen.

Indem er sich ganz der Figurenperspektive überläßt, gelingt es Kempowski darzustellen, wie der normale Alltag und der methodisch gewordene Irrsinn im "Dritten Reich" gutnachbarlich zusammenlebten. Da ist die Rede von Katharinas schwangerer Freundin Felicitas. Ihr Mann "lag in Graudenz . . . Hatte es dort in der Festung mit deutschen Drückebergern zu tun. ,Die werden natürlich alle erschossen', hatte er erzählt. Felicitas hätte ihn natürlich besuchen können, aber in diesem elenden Nest, wo es noch nicht einmal ein Kino gab?"

Bisweilen gelingen Szenen von genialischer Lakonie. Die Globigs sitzen zusammen mit den neuerdings auch bei ihnen einquartierten Flüchtlingen: "Spät in der Nacht senkte man dann doch die Stimme bis zum Gewisper: Von Juden wurde geredet. ",Das rächt sich.' - ,Ich halte nichts von diesen Brüdern, aber. . .' - ,Naja, Schwamm drüber.'" So muß man es sich wohl vorstellen, das "Wissen", von dem später so viele nichts mehr gewußt haben wollen.

Kempowski verfolgt eine Ästhetik der Archivierung, die Lebensformen inventarisiert, bis hin zu den Schlagern und Filmen, die noch den Untergang versüßten. Mit der Handlung läßt sich das Buch dagegen Zeit. Sie kommt in Gang, als Katharina von Globig einen verfolgten Mann für eine Nacht versteckt. Nicht aus Widerstandswillen oder Humanität, sondern weil sie es dem Pfarrer nicht abschlagen kann und es mit einem Abenteuer verwechselt. Es ist ein "kleiner Jude", der einige Tage später aufgegriffen wird und, entsprechend "verhört", alles gesteht. Katharina von Globig wird verhaftet.

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