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: Im dämmrigen Reich der Rotlicht-Rosen

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Juan Marsé gehört zu den katalanischen Autoren, die nicht zur Buchmesse nach Frankfurt kommen werden. Der Ansatz des Kulturinstituts "Ramón Llull", würdige Repräsentanten der Region Katalonien seien nur Schriftsteller, die katalanisch schreiben, hält ihn fern, trotz nachgeschobener Einladung, als Proteste laut wurden.

          Juan Marsé gehört zu den katalanischen Autoren, die nicht zur Buchmesse nach Frankfurt kommen werden. Der Ansatz des Kulturinstituts "Ramón Llull", würdige Repräsentanten der Region Katalonien seien nur Schriftsteller, die katalanisch schreiben, hält ihn fern, trotz nachgeschobener Einladung, als Proteste laut wurden. Wer Juan Marsés jüngsten Roman "Liebesweisen in Lolitas Club" in der hervorragenden deutschen Übersetzung von Dagmar Ploetz liest, also unabhängig von einer spanischen oder katalanischen Ausgangssprache, kann nur mit Bedauern feststellen: Von poetischer Warte aus ist diese politisch motivierte Polemik in erster Linie ein Missverständnis. Denn das Buch ist eine ungewöhnliche Liebeserklärung an Marsés Heimat Katalonien. Allerdings ist es ein schroffes, reales Katalonien, das keinem touristischen Klischee und keiner nationalistischen Schönfärberei entsprechen will.

          Angesiedelt ist die Handlung in den Vorstadtsiedlungen Barcelonas, an den Ausfahrten der Autobahnzubringer, wo ein Großteil der Menschen ausländischer Herkunft ist; wo neben Einkaufszentren und Großmarkthallen auch riesenhafte puticlubs stehen, die wohl größten Bordelle Europas; wo prügelnde Polizisten sich gebärden, als hätten sie zu viele Filme aus Bud Spencers "Plattfuß"-Serie gesehen.

          Einer von ihnen ist Raúl Fuentes, ein verkrachter Antiterror-Ermittler, der bärbeißige Antiheld des Romans. Nachdem er einen mutmaßlichen Eta-Angehörigen und den jüngsten Spross eines berüchtigten Mafia-Clans krankenhausreif geschlagen hat, ist er vom Dienst suspendiert und kehrt aus dem Baskenland nach langer Zeit heim nach Katalonien. Allerdings wartet auf ihn dort ein wenig heimisches Szenario.

          Sein Vater, Leiter eines kleinen Reitstalls im Strandkaff Castelldefels, lebt inzwischen mit der osteuropäischen Migrantin Olga zusammen, ohne zu ahnen, dass diese einst schon Raúls Geliebte war. Gleichzeitig hat Raúls geistig behinderter Zwillingsbruder Valentín eine unerwartete Karriere gemacht: als Bediensteter in einem als "Musikbar" getarnten Etablissement namens "Lolitas Club", wohin Mädchen aus Lateinamerika und Asien als quasi Leibeigene zur Prostitution verkauft werden. Valentín ist der Vertraute und persönliche Zuckerbäcker dieser Mädchen, kauft für sie Parfums, Gleitgels und Damenbinden - "mit Geruchsschutz, so wie in der Werbung". Zu allem Überfluss aber hat er sich Hals über Kopf in die Kolumbianerin Milena verliebt, die von der Mafia mit falschen Papieren und falschem Arbeitsvertrag in den Club eingenistet wurde. Und das Schlimmste daran: Die Familie schaut alledem mit größter Gelassenheit zu und scheint sich über Valentíns neuen Lebenswandel sogar zu freuen: So kommt der Junge doch zumindest mal raus von zu Hause.

          Dergleichen Unordnung im eigenen Hause raubt Raúl den letzten Rest an Stabilität. Ohnehin schon ein haltloser Trinker, stürzt sich Raúl in besinnungslose Suffexzesse und meint die Situation nur durch die selbstauferlegte Mission zu retten, Valentín aus den vermeintlichen Fängen des Bordells zu retten. Denn seine These ist, dass der "arme Behinderte" von einer Horde "drogensüchtiger Schlampen" nach Strich und Faden ausgebeutet und vermutlich zu zwielichtigen Geschäften herangezogen wird. Allerdings führen seine brutalen Interventionen, die von Puffmutter Lola aus Furcht vor einem Agenten der Staatsmacht geduldet werden, nur dazu, Valentín und Milena noch fester aneinanderzuschweißen - und die beiden äußerlich gleichen und doch charakterlich so verschiedenen Zwillinge immer mehr voneinander zu entfremden.

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