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: Im Bett mit Graham Greene

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Die Karibik war im Kalten Krieg ein bevorzugter Tummelplatz tropisch erhitzter Agententhriller. Im Bermudadreieck zwischen Papa Doc, Fidel Castro und dem Voodoogott Baron Samedi hat James Bond Weltverschwörungen aufgedeckt und Graham Greene Doppelagenten Gottes stranden lassen, und so war es nur ...

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          Die Karibik war im Kalten Krieg ein bevorzugter Tummelplatz tropisch erhitzter Agententhriller. Im Bermudadreieck zwischen Papa Doc, Fidel Castro und dem Voodoogott Baron Samedi hat James Bond Weltverschwörungen aufgedeckt und Graham Greene Doppelagenten Gottes stranden lassen, und so war es nur eine Frage der Zeit, wann Robert Stone, der mit seinen Politthrillern seit bald vierzig Jahren die Nase im Wind hat, den Hinterhof Amerikas betreten würde. Stone tourte einst mit Ken Keseys "Merry Pranksters" durchs Land, und er hat dem Geist der Beatniks, Hippies und studentischen Linken nie abgeschworen, auch wenn seine Romane, randvoll mit Drogenhalluzinationen, spirituellen Epiphanien und antikolonialistischem Furor, ihrer Zeit oft voraus waren. In seinem Meisterwerk "Dog Soldier" verfolgte er einst die Blutspur Amerikas in Vietnam; in seinem letzten Roman, "Damascus Gate" (Das Jerusalem-Syndrom) beschrieb er schon 1998 den fundamentalistischen Terror im Nahen Osten.

          In seinem neuen, seinem siebten Roman ging Stone nach St. Trinity, einem fiktiven karibischen Eiland, das Züge von Haiti und Grenada trägt; aber diesmal kommt er zu spät. Sein Oberst Junot wirkt wie die Karikatur eines Putschistengenerals von Washingtons Gnaden, Hilda, das ruppige Latino-Flintenweib, wie eine KZ-Aufseherin im Exil, und auch seine übrigen Schurken - Todesschwadronen, Drogenbarone, Black-Power-Aktivisten mit Hitler-Faible, trinkfeste Europäer, zwielichtige Honorarkonsuln und Reporter - haben ihre beste Zeit hinter sich.

          Die "Professorin" selbst hat einst sowohl Fidel Castro wie Graham Greene "beigelegen", und das ist nicht das einzige, was ihren Kollegen Michael Ahearn fasziniert. Lara Purcell, schön, klug, dekadent und auf mondäne Weise politisch unkorrekt, spielt Squash wie der Teufel, fährt einen Saab und bedient den "akademisch gebildeten Hinterwäldler" mit Koks und Rilke, alteuropäischer Arroganz und sadomasochistischen Fesselspielen. Bei aller Auf- und Abgeklärtheit ist die Femme fatale freilich eine überzeugte Voodoo-Anhängerin, die ihre Seele an "Marinette" verloren zu haben und mit einer magischen Zeremonie zurückholen zu müssen glaubt.

          Der Professor läßt sich, getrieben von Angst, Lust und Verzweiflung, nur zu gern von seiner Göttin verhexen; ihre gefährlichen Spiele, "promiskuös abgeleitet von irgendwelchen Dingen zwischen ernsthafter Kunst und den schundigsten Comicstrips", sind für ihn Rauschdroge und prickelndes Lebenselixier. Lara verkörpert mit ihrer unklaren Herkunft und ideologischen Flexibilität für ihn das "Priestertum der Lebenskraft, das Rätsel von Blut und Opfer". Das muß einen Mann aus dem Mittleren Westen faszinieren, der, obwohl Jäger, noch nie einen Schuß abgegeben hat, aber gerade ein Seminar über den literarischen Vitalismus abhält und privat an einer Identitätskrise laboriert. Seine Frau, die grobknochige, kalte Kristin, und sein pubertierender Sohn beginnen ihm zu entgleiten, und die Affäre mit der kreolischen Mata Hari entfremdet ihn seiner Familie noch weiter. So beginnt der mausgraue Literaturdozent, der sich zeitlebens über "gehemmte Libertins" lustig machte, Voodoo für ein atavistisches Gerücht und Selbsterfahrung für verschwendete Zeit hielt, sich erst mit der "Ätiologie seiner Erektionen" zu beschäftigen, um sich bald esoterischeren Phänomenen wie nordischer Mythologie oder der Dialektik von "zufallsbedingten Singularitäten" und Vorsehung zuzuwenden.

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