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: Im Banne der Totenkanne

  • Aktualisiert am

Es gibt zwei gute Gründe, dieses Buch zu lesen: den Autor und den Übersetzer. Die beiden Gründe haben nichts miteinander zu tun. Damit soll nicht gesagt sein, es sei eine schlechte Übersetzung. Autoren sind aber eigenwillige Übersetzer. Henri Thomas selbst ist ein Beispiel dafür. Neben Goethes "Torquato Tasso" ...

          Es gibt zwei gute Gründe, dieses Buch zu lesen: den Autor und den Übersetzer. Die beiden Gründe haben nichts miteinander zu tun. Damit soll nicht gesagt sein, es sei eine schlechte Übersetzung. Autoren sind aber eigenwillige Übersetzer. Henri Thomas selbst ist ein Beispiel dafür. Neben Goethes "Torquato Tasso" für die Pléiade-Klassikerausgabe 1941 hat er Brentano, Stifter, Achim von Arnim, Hofmannsthal, Kleist, aber auch die Shakespeare-Sonette ins Französische übersetzt und vor allem mit seinen insgesamt sieben Jünger-Übertragungen wesentlich das Bild Ernst Jüngers in Frankreich mitgeprägt. Dass der 1912 in den Vogesen geborene Thomas auch Romanautor, Dichter, Literaturkritiker und Gallimard-Lektor für deutsche Literatur war, ist hierzulande wenig bekannt. Die Publikationen auf Deutsch blieben spärlich.

          Von diesem im Original 1961 erschienenen Roman aber liegen gleich zwei Übersetzungen vor. Das kam so: Henri Thomas hatte in jenem Jahr über die Vermittlung Ciorans in Paris den Dichter Paul Celan kennengelernt. Dieser entschloss sich spontan, den mit dem Fémina-Preis ausgezeichneten Roman "Le Promontoire" des Kollegen und Gallimard-Lektors ins Deutsche zu übertragen. Als drei Viertel der Arbeit schon getan waren, kam es mit dem Hanser Verlag zum Zerwürfnis. Celan verweigerte dem Verlag prinzipiell jedes Recht auf Eingriffe und zog sich zurück. Hanser ließ das Buch 1963 in einer Übersetzung Elmar Tophovens als "Das Kap" erscheinen. Celans unvollendete Version nun zu ergänzen und ebenfalls vorzulegen ist eine glückliche Initiative des Suhrkamp Verlags und der Herausgeberin Barbara Wiedemann.

          Man kann die wie oft bei Thomas autobiographisch gefärbte Romanhandlung resümieren, nur führt das nicht sehr weit: Ein Übersetzer und Tagebuchschreiber vertrödelt einen harten Winter in der Einsamkeit eines korsischen Dorfs und gerät in den Strudel des plötzlichen Tods seiner ehemaligen Wirtin, deren junge erblindende Schwester vor fünf Jahren - war es Selbstmord, Selbstmord mit Beihilfe oder Mord? - durch einen Revolverschuss umgekommen ist, genau an der Stelle des Strandes, wo später auch die Frau des namenlosen Ich-Erzählers ertrinkt. So zusammengefasst, klingt es wie der Buchentwurf eines B-Krimiautors. Es fehlt im Folgenden die "Totenkanne", jene schwere, randvolle, heiße Kaffeekanne, die bei jedem Todesfall vom Dorfcafé aus für die Totenwache ins entsprechende Haus getragen wird und deren Zustellung spontan der Erzähler übernimmt. Zwar trägt er auch diverse andere Dinge durchs Dorf wie Kohlesäcke und Holzscheite, doch ändert dieses Totenkanne-Tragen offenbar viel in seinem Leben, wirft ihn ganz aus der Bahn, hätte er sich denn je in einer solchen befunden.

          Das Erzählmuster von Henri Thomas ist, stilistisch zwar sachlich scharf, so lose angelegt, dass bei jeder Satzwendung die voraus- und zurückspringenden Begleithandlungszotteln schlenkern und ein durchgehendes Flimmern von Fremdartigkeit aufkommen lassen. Wenn der Erzähler, schon achseltief in der Erde steckend, das Grab für die Wirtin schaufelt, während die umstehenden Dorfmänner oben am Grubenrand lachen, oder wenn er in seinem wachsenden Wahn überzeugt ist, man habe ihm seine Übersetzungsliste für die pharmazeutischen Produkte entwendet, verbiegt der Situationsrealismus sich unmerklich zur Absonderlichkeit mit Anklängen an Kafka. Wenn das im eisigen Winter nur oberflächlich in den Boden gesteckte Kreuz auf dem Grab der mutmaßlichen Selbstmörderin im Frühling bedrohlich sich zu neigen beginnt, grüßt die schräge Jenseitsahnung eines Jean Giono. Und wenn die Wade eines Fischers in der Märzsonne nach dem Winter plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, ist das besser als Nouveau Roman, der in der Nebenfigur eines Monsieur Bob-Rillet auch beiläufig einen Klaps abbekommt.

          Paul Celan hat das alles atmosphärisch, mehr aus dem inneren Klang heraus als aufs originalgetreue Detail hin übersetzt. Der ins leicht Entrückte angehobene Ton verstärkt den Eindruck von Fremdartigkeit. Dass die Ahnung, in diesem Dorf lange hängenzubleiben, den Erzähler in keine Verzweiflung treibt, sondern in "eine einmalige Seinsweise, und mir einerlei!", untersagt schon mit seiner Lautwiederholung dem Leser jeden Vorbehalt des Zweifels. Der auf Französisch umgestellte Satzbau der Konversation - "Von dem Holz in den Galerien - finden Sie eigentlich viel davon?" - klingt auch auf Deutsch plötzlich ganz natürlich. Dass die Dorfleute aber mit dem Satz "Trachten Sie dazusein um zwei Uhr" den Erzähler zum Grabschaufeln bestellen, führt etwas weit in die Überhöhung. Am besten gelingt diese in der beiläufigen Zustandsbeschreibung, wenn etwa der Erzähler in der Küche der verstorbenen Wirtin die Augen von deren blinder Schwester betrachtet, "so schön wie gemalte Augen - und tote Augen. Augen, das sind sie ja auch." Dieses Schwanken der Betonung zwischen "sind sie" und "auch" lässt die ganze schon nicht mehr traurige Unschlüssigkeit des selbstvergessenen korsischen Bergdorfbewohners am Meer in sich nachklingen. Denn dem Vorgebirge folgt auch bei Celan nicht das geringste Gebirgsecho.

          JOSEPH HANIMANN

          Henri Thomas: "Das Vorgebirge". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Paul Celan. Aus dem Nachlass herausgegeben, ergänzt und mit einem Nachwort versehen von Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 128 S., geb., 12,80 [Euro].

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