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Ildikó von Kürthy: Unter dem Herzen : Der ganz normale Wahnsinn

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Bild: Verlag

Wenn die Wahl eines Kinderwagens quasireligiöse Züge annimmt: Die Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy hat ein sehr komisches Buch übers Schwangersein geschrieben.

          Anders als Führungspositionen in anderen Lebensbereichen ist Muttersein keine Frage der Fähigkeiten, von Ehrgeiz, Disziplin oder Fleiß, sondern einfach eine biologische Beförderung zur Autorität - der willkürlichen medialen Ausrufung von immer neuen Experten nicht ganz unähnlich. Und weil ungeteilte Erfahrungen nun mal wenig wert sind, gehört der professionelle Baby-Gesang inzwischen zur prominenten Journalistinnen-Mutter wie der Schnuller zum Kind: Von Katja Kessler gibt es das Mami-Buch, von Carolin Beil die Mami-DVD, und von heute an kommt von der Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy „Unter dem Herzen - Ansichten einer neugeborenen Mutter“ hinzu.

          Im Authentizitätsgewand der Tagebuchform lässt die Schriftstellerin ihre vorwiegend pränatalen Leserinnen - Frauen ohne Kinderwunsch und Männer werden von diesem Titel instinktiv die Finger lassen - teilhaben an den kleinen Dramen ihrer Schwangerschaft, schildert Freude, Unsicherheiten, Spleens, Ängste und die Kunst der Lebensführung mit Bauch. Zum Glück hat Kürthy ihren ausgeprägten Sinn für Humor beim Anblick des positiven Schwangerschaftstests nicht verloren. Und so ist sie auch kein Opfer jener kultischen Verhaltensweisen geworden, die eine Schwangerschaft zum erleuchteten Ausnahmezustand verklären, sondern ganz normal geblieben - und damit durchaus skeptisch dem Veitstanz ihrer Hormone gegenüber. Ildikó von Kürthy, als nicht mehr blutjunge Erstgebärende Vertreterin einer neuen Müttergeneration, betrachtet sich gewissermaßen als Versuchskaninchen eines in unserer Gesellschaft immer weniger normal gewordenen Vorgangs. Insofern geht es weniger um Schwangerschaft, Geburt und erste Kindesmonate als um den mentalen Umgang damit. Und der ist bei Kürthy in erster Linie gut gelaunt, selbstironisch und sehr, sehr witzig.

          Offenherzige Bekenntnisse

          Nach Art der chaotischen englischen Kolumnen-Heldin Bridget Jones, die hier überhaupt Patin gestanden haben könnte, beginnen viele Einträge mit Notizen zu Gewicht und Gemütsverfassung. „5. November. Schwangerschaftswoche 15 + 1 Tag. Es ist ein Junge. Damit fällt das Kind in die Kategorie ,Hauptsache, gesund’.“ Einen Monat später konstatiert sie trocken: „5. Dezember. Schwangerschaftswoche: 19. Zustand: Ich sehe jetzt von vorne genauso aus wie von hinten. Befremdlich irgendwie. Als würde ich ein weiteres Kind im Po austragen.“ Da hat der Knabe auch schon einen lustigen Arbeitstitel verpasst bekommen: Schlomo. Dieser erweist sich als ungemein hilfreich, um Fragen nach der späteren Namensgebung auszuweichen, und ist außerdem herrlich wandelbar, von Schlomo über Schlömchen und Schlominsky bis zu Schlomenberger. So kann das noch ungeborene Kind es an expressiver Charakterstärke bereits mit seiner Quasselmutter aufnehmen.

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