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: Ihr sollt ihn nicht verwirren

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Zu Goethes Lieblingswörtern gehört der Ausdruck "Aperçu". Er bezeichnet entdeckende, erfinderische Erkenntnisvorgänge, die, blitzschnell ablaufend, Zeugnis geben für die ursprüngliche "Synthese von Welt und Geist". Deutlich erkennbar ist noch die Verwandtschaft von Wort und Sache mit jener kombinatorischen ...

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          Zu Goethes Lieblingswörtern gehört der Ausdruck "Aperçu". Er bezeichnet entdeckende, erfinderische Erkenntnisvorgänge, die, blitzschnell ablaufend, Zeugnis geben für die ursprüngliche "Synthese von Welt und Geist". Deutlich erkennbar ist noch die Verwandtschaft von Wort und Sache mit jener kombinatorischen Ingeniosität, die das achtzehnte Jahrhundert "Witz" nannte. Nicht fern liegt die sprachliche Form des Aphorismus, die am ehesten solche virtuosen Verdichtungen nachzubilden weiß. Und natürlich stellt sich der Gedanke an die französische Moralistik ein, die dafür literarisch zuständig ist. "Réflexions ou sentences et maximes morales" heißt La Rochefoucaulds Hauptwerk.

          Goethe selbst schätzt diese Begriffe und spricht gelegentlich von "Maximen und Reflexionen". Als die ersten Herausgeber, Eckermann und Riemer, seine gesammelten Kleinprosastücke unter ebendiesen Titel faßten, stand ihnen doch wohl dieser historische Zusammenhang vor Augen. Der glückliche Einfall, an dem sie allerdings nicht festhielten, bewahrte den Geist des Aperçus und verknüpfte Goethe mit einer europäisch-eleganten Tradition, die in Deutschland trotz Lichtenberg nur sparsame Resonanz fand. Max Hecker, der mit seiner Ausgabe von 1907 den Titel durchsetzte, machte denn auch Front gegen den altbackenen Namen "Sprüche in Prosa", den die beiden Nachlaßverwalter 1840 eingeführt hatten: Das sei von allen Bezeichnungen, die man hätte wählen können, die ungeschickteste. Ein treffliches Urteil. Aber es ist ein editorisch inkorrektes, wie uns jetzt der neueste Herausgeber Harald Fricke versichert. Und er ruft zu einer Generalrevision auf, die sich gegen die bisherige "Fehlrezeption" richtet, nicht zuletzt gegen Heckers Ausgabe. Es fallen scharfe Worte. Weder Titel noch Umfang, weder Anordnung noch Zählung der vermeintlichen "Maximen und Reflexionen" haben Bestand. Man muß gründlich umlernen. Doch welcher Goethe-Leser zuckt nicht zusammen, wenn er statt der gewohnten "MuR" nun "SiP" vorgesetzt bekommt und gleich dazu den Service einer "logischen Zählung", die Auskunft gibt über die zugehörige Textsorte und Textgruppe. So trägt Heckers MuR 1 jetzt die Kennummer SiP 7.5.1, und das ist noch ein einfacher Fall.

          Wer den alten Schlendrian nicht will, muß schon ein paar Umständlichkeiten in Kauf nehmen. Natürlich gibt es dafür die ordentlichsten, nämlich editionsphilologische und gattungspoetische Gründe. Zur Quelle aller Irrtümer wurde wohl der Glaube, Goethe habe mit seinen Prosasprüchen so etwas wie ein (Spät-)Werk mit eigenem Titel schaffen wollen. Auf dem gleichen Irrweg künstlicher Vereinheitlichung befinden sich Fricke zufolge alle Versuche, thematische Gruppierungen herzustellen ("Denken und Tun", "Kunst und Künstler"). Im Gegenzug kehrt Frickes Edition in die gegebenen Kontexte zurück, mögen sie auch noch so zufällig und disparat sein, und fügt sich den entstehungsgeschichtlichen Bedingungen. Die für die Anordnung zuständigen "Ordnungsprinzipien" sind die überlieferten Zusammenhänge und die Textsorten (es sind sieben: Aphorismen, Thesengruppen, angeeignete Sprüche, sodann Sprüche in verschiedenen Zusammenhängen).

          Wer sich sorgt, daß er seinen gewohnten Goethe in der neugeordneten Unübersichtlichkeit nicht wiederfinden mag, für den hat Fricke neben dem Gefühl der Korrektheit noch einen handgreiflichen Trost parat: in Gestalt eines beträchtlichen quantitativen Zugewinns an Goetheschen "Sprüchen". Zählte Hecker bis 1413, so fördert Frickes Aufmerksamkeit weitere rund 450 Aufzeichnungen zutage, völlig gleichartige und gleichwertige. So reiht sich auf einmal Wilhelm Meisters "Lehrbrief" in zwei Abteilungen in den Bestand der Sprüche ein - warum eigentlich nicht? Bleibt freilich die bange Frage, ob nicht noch weit mehr Sententiöses bei Goethe zu finden ist, wenn die Schleusen erst einmal geöffnet sind. Daß mehr als 1800 SiP eine beträchtliche Herausforderung auch für den Kommentator darstellen, liegt um so mehr auf der Hand, als mit allen Formen des Zitierens und Aneignens zu rechnen ist, ohne daß Goethe seine Quellen verriete. Was Fricke da zu leisten vermag, demonstriert seine "große" Ausgabe im Rahmen der Frankfurter Goethe-Edition.

          Die hier vorliegende "kleine" Leseausgabe muß notgedrungen zurückstecken und begnügt sich mit elementaren Hilfen. Man erfährt, was ein "Kathederlehrer" ist, muß bei Madame Roland aber mit der Auskunft "Ehefrau eines Girondisten" vorliebnehmen. Aufgeräumt ermuntert das Nachwort schließlich den schmökernden Leser, nicht ohne ihn noch rasch vor ein paar Irrtümern Goethes gewarnt zu haben. Schmökern - so heißt das lässige Überbleibsel jener blitzschnellen Beweglichkeit, die einst Sache der "Maximen und Reflexionen" war.

          HANS-JÜRGEN SCHINGS.

          Johann Wolfgang Goethe: "Sprüche in Prosa". Sämtliche Maximen und Reflexionen. Im Originalzusammenhang wiederhergestellt und mit Erläuterungen versehen von Harald Fricke. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2005. 486 S., geb., 29,80 [Euro].

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