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Ian Buruma: „Ihr gelobtes Land“ : Nur einer entkam dieser Familie

  • -Aktualisiert am
Eine Abbildung aus Ian Burumas Familienmemoiren. Von links nach rechts: Hilary, John, Winifred, Susan, Wendy und Roger.

Die Passage enthüllt (neben dem eigentümlich unbeholfenen Deutsch der Übersetzerin Barbara Schaden), dass „Ihr gelobtes Land“ als Gegenstück gelesen werden muss zu Burumas brillantem Buch „Die Grenzen der Toleranz“ (2007) über den Mord an Theo van Gogh und die massenhaft misslungene Assimilierung, die in diesem Kriminalfall gipfelte. Das literarische Problem des neuen Buchs besteht darin, dass die gelingende Anpassung an eine Gastgesellschaft zwar politisch und moralisch wünschenswert, poetisch aber unergiebig ist.

Das Gelungene ist das Langweilige: Bernard und Winifred sind sympathische gute britische Bürger, gebildet, tüchtig, manchmal heroisch und (zumindest für den Enkel) rührend. Aber diese realen Vorzüge seiner Großeltern können literarisch nicht konkurrieren mit den Figuren des Buchs, zu dem das vorliegende ein Pendant ist: mit dem armen, dicken, verrückten Provokateur Theo van Gogh, dem flamboyanten, lauten Pim Fortuyn, den dämonisch entschlossenen Mördern der beiden, mit dem ganzen politischen und gesellschaftlichen Schlamassel, das in jenen Taten explodiert ist.

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Das versteckte Shakespeare-Zitat im Schlusssatz des Buchs – „solange es Leser gibt, ist das Nachleben von Bernard und Win sichergestellt durch das schriftliche Zeugnis, das sie hinterlassen“ – hinterlässt das ungute Gefühl, dass hier ein Autor von seinem Gegenstand viel begeisterter ist, als er seine Leser machen konnte. Paradoxerweise gibt es eine Figur, deren familiensoziologisch-feinmalerische Ausgestaltung das „Kontinuum der Geschichte aufsprengen“ und über die Gelähmtheit, die über dem Buch liegt, hätte hinausführen können: Burumas Onkel John Schlesinger.

Er wurde von seinen Eltern seine gesamte Kindheit und Jugend hindurch inbrünstig verachtet. Der älteste Sohn von Bernard und Winifred war nach Ansicht seiner Mutter der „faulste, egoistischste &. nichtsnutzigste Junge, dem ich je begegnet bin“. Er verkleidete sich als Kind gern als „Glamour-Girl“, inszenierte Laienvarietés, lernte Zaubern statt Klavierspielen, trat im Theater auf, war offensichtlich schwul und an Sex interessiert, der Einzige in der Familie, der öffentlich sagte, er sei Jude und stolz darauf – und schließlich ein weltberühmter Regisseur.

John Schlesinger war der Rockstar dieser Familie, der er schlechterdings nichts recht machen konnte. „In der Einschätzung von John stimme ich Dir zu; am meisten Sorgen macht mir tatsächlich seine Rücksichtslosigkeit & mangelndes Interesse an allem Intelligenten oder Ernsthaften.“ Das war Bernard über den Heranwachsenden. Und Winifred schreibt über den noch kleinen Jungen: „Ich fürchte, ich muss leider sagen, dass unser Ältester ein Reinfall ist.“ Wie „L’Idiot de la famille“ John Schlesinger sich gegen das emotionale Bombardement seiner Eltern behaupten und im Gegensatz zu ihrer kultivierten Mittelmäßigkeit ein bedeutender Künstler werden konnte – das wäre der Gegenstand eines Bildungsromans gewesen, in dem über die Borniertheit des Bildungsbürgertums, die emotionalen Risiken kultureller Assimilation, die Wechselbeziehungen zwischen Kultur, Familienpsychologie und sozialem Aufstiegswillen in einer Weise hätte erzählt werden können, die die Zukunftsversprechen in der Vergangenheit von Bernard und Winifred Schlesinger darstellerisch freigesetzt hätten. Burumas Entscheidung für das Idyll hat nur einen nostalgischen Seitenflügel zu seinem monumentalen Buch über Theo van Gogh, Pim Fortuyn und die Morde von Amsterdam hervorgebracht.

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