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: Ihr Geheimnis

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Sie sprach, als sie schon sehr alt war, von sich selbst nur noch in der dritten Person. Sie sagte nicht mehr "ich", sondern immer nur "die Duras", als meinte sie eine andere, die sie mit der größten Selbstverständlichkeit allerdings für genial hielt. Ihr Narzissmus war grenzenlos: "die Duras, die man anbetet", "die Duras, Freundin des Präsidenten Mitterrand".

          Sie sprach, als sie schon sehr alt war, von sich selbst nur noch in der dritten Person. Sie sagte nicht mehr "ich", sondern immer nur "die Duras", als meinte sie eine andere, die sie mit der größten Selbstverständlichkeit allerdings für genial hielt. Ihr Narzissmus war grenzenlos: "die Duras, die man anbetet", "die Duras, Freundin des Präsidenten Mitterrand". Im Kult um die eigene Person verschwammen ihr Leben und ihr Werk, bis sie sie selbst nicht mehr voneinander trennen konnte. "Die Geschichte meines Lebens", sagte sie, "gibt es nicht. Ich schreibe nicht, um meine Geschichte zu erzählen. Das Schreiben hat mir weggenommen, was mir noch vom Leben blieb, hat mich entleert, und ich kann nicht mehr auseinanderhalten, was ich über mein Leben geschrieben habe und was ich wirklich erlebt habe, was wahr ist."

          Die Leser von Marguerite Duras sind immer wieder in die biographische Falle gelaufen. Als der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud Anfang der neunziger Jahre ihr wohl bekanntestes und erfolgreichstes Buch "Der Liebhaber" verfilmte, hielt er den Roman für eine Autobiographie, stellte polizeiliche Nachforschungen über sie und den Liebhaber ihrer Jugend in Indochina an, drehte in Vietnam vor rekonstruierter Kulisse, um die Orte nachzustellen, an denen Marguerite mit ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern aufgewachsen war. Annaud arbeitete am Mythos. Denn "Der Liebhaber" war keine Autobiographie. Oder besser: Wie immer in der Literatur war alles an ihm autobiographisch und zugleich nichts.

          Marguerite Duras' Werk ist wie eine Lektion, die genau diese paradoxe Formel zu verstehen gibt. Ein Paradox, das man vor allem dann begreift, wenn man die Texte liest, die, in ihrem Nachlass erhalten, letztes Jahr von Sophie Bogaert und Olivier Corpet in Frankreich herausgegeben wurden und nun bei Suhrkamp erscheinen: "Hefte aus Kriegszeiten". Es sind Schlüsseltexte. Nicht deshalb, weil sie wahrer wären als die anderen. Sondern weil sie den Blick auf genau das wilde, undurchdringliche Dickicht freilegen, in dem bei ihr Wirklichkeit und Fiktion ineinander verstrickt sind. Mit den "Heften aus Kriegszeiten" beginnt das große Abenteuer der Marguerite Donnadieu, die sich, nach einem französischen Landstrich, aus dem ihr Vater stammte, später Marguerite Duras, dann "die Duras" nannte.

          Der Chinese im Auto

          Sie hatte einen blauen Schrank in ihrem Landhaus. In diesem Schrank fand sie, da war sie Ende sechzig, Schulhefte, die sie, 1943 bis 1949, während des Kriegs und kurz danach, vollgeschrieben hatte und von denen sie behauptete, dass sie sie völlig vergessen habe. Aufgeregt rief sie einen Verlegerfreund an: "Komm, ich habe etwas Großartiges gefunden!" Sie war völlig außer sich. Das hier waren die Urszenen: Erinnerungen an die Jugend in Indochina; an den, der der "Liebhaber" werden sollte; die Totgeburt ihres ersten Kindes; der Tod ihres Bruders; die Aktivitäten in der Résistance; die Deportation und Rückkehr ihres Ehemanns Robert Antelme; die Geburt ihres Sohnes Jean. Lauter Fragmente, Entwürfe, zum Teil ganze Erzählungen.

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