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: Ich wollte meine Zeit nicht damit vertun, dem Oberhaus die Beine langzuziehen

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Wie bei vielen großen Romanen des neunzehnten Jahrhunderts verbinden sich auch in dem bekanntesten Werk des Italieners Ippolito Nievo zwei Hauptthemen: ein Panorama der Zeit und eine Liebesgeschichte. Das Buch erzählt zugleich von der Erringung der territorialen Einheit Italiens und dem konfliktreichen Verhältnis ...

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          Wie bei vielen großen Romanen des neunzehnten Jahrhunderts verbinden sich auch in dem bekanntesten Werk des Italieners Ippolito Nievo zwei Hauptthemen: ein Panorama der Zeit und eine Liebesgeschichte. Das Buch erzählt zugleich von der Erringung der territorialen Einheit Italiens und dem konfliktreichen Verhältnis des fiktiven Protagonisten Carlo Altoviti ("Carlino") mit seiner Cousine Pisana, einer so launischen wie transgressiven Frau, fast einer italienischen Madame Bovary. Die Parallelität von persönlichem und politischem Bekenntnis spiegelt schon der Titel "Confessioni di un italiano", Bekenntnisse eines Italieners. Allerdings nannte der Verleger E. Foà Fusinato das Buch, als er es 1867 postum zum erstenmal in Florenz herausbrachte, nicht so, sondern "Confessioni di un ottuagenario", Bekenntnisse eines Achtzigjährigen. Denn er wollte nicht die patriotischen Gefühle der Bewohner jener Gebiete verletzen, die auch nach 1866 noch in österreichischer Hand waren - darunter auch Friaul, woher die Familie der Altoviti stammt.

          In der Auffassung Nievos, eines feurigen Anhängers von Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi, war die Einheit Italiens nicht vollendet ohne die sogenannten "terre irredente", die "unerlösten Gebiete". Der Ich-Erzähler hegt denn auch im Alter folgenden Traum: "Ich wurde am 18. Oktober 1775 als Venezianer geboren; und ich werde, so Gott will, als Italiener sterben, wenn es der Vorsehung gefällt, die geheimnisvoll in der Welt waltet."

          Dieser Satz faßt das politisch-religiöse Programm des Dichters zusammen, der sich zu Mazzinis Motto "Dio e popolo, pensiero e azione" (Gott und Volk, Gedanke und Tat) bekannte, wie auch den Inhalt des Romans. Die Handlung deckt nämlich die gesamte Zeitspanne seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit dem Untergang Venedigs über den aufkeimenden Nationalismus als Antwort auf die Restauration bis zu den ersten Erfolgen des Risorgimento ab, das schließlich zur Gründung des italienischen Nationalstaates führte.

          Trotz des großen Umfangs von weit über tausend Seiten ist der Roman in wenigen Monaten zwischen Ende 1857 und August 1858 entstanden, und obwohl der Protagonist seine Memoiren als Greis erzählt, war Nievo bei der Niederschrift erst ein Mittzwanziger; außerdem starb er noch so früh, daß er nicht einmal die Zeit fand, sein Buch zu revidieren. Kam doch der 1831 zu Padua geborene Autor mit dreißig Jahren auf See ums Leben, nachdem er an der garibaldinischen "Expedition der Tausend" zur Befreiung des bourbonischen Königreichs beider Sizilien teilgenommen hatte

          Allerdings ist manches, was wie ein Mangel an geschliffenen Formulierungen aussieht, nicht stilistischer Nachlässigkeit zuzuschreiben, sondern dem Willen, durch genaue Wiedergabe umgangssprachlicher Dialoge die Alltagsstimmung unmittelbar zu vermitteln. Die sorgfältige Übersetzung von Barbara Kleiner folgt dem ständig wechselnden Ton aufmerksam und bietet dem deutschen Publikum zum erstenmal eine vollständige und einfühlsame Version des italienischen Originals.

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