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: Ich tritt ein anderer

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Gegliedert ist der kurze Text nach den tatsächlichen Rennkilometern, schon bei Kilometer 34 ist die erste Erschöpfung der Kletterpartie spürbar. "Mein Gehirn macht Anstalten, sich wurstartig aus meinen Ohren zu stülpen." Krabbé schreibt mit bewundernswerter Knappheit eine eigentlich unmögliche Versuchsanordnung: das Protokoll eines Bewußtseins, das sich selbst dabei zuschaut, wie es das Bewußtsein verliert und am Ende von etwas gesteuert wird, das mit Vernunft nicht mehr viel zu tun hat. "Das Bewußtsein ist klein auf einem Fahrrad, je größer die Anstrengung, desto kleiner. Jeder aufkommende Gedanke ist sofort absolut wahr, jedes unerwartete Ereignis ist etwas, was man schon immer gewußt, aber einen Moment lang vergessen hatte."

Dementsprechend wenig ist von Fahrradtechnik oder rundem Tritt die Rede, nur der Wahl der richtigen Übersetzung wird naturgemäß einiger Raum eingeräumt. Dreiundvierzig-neunzehn, die Übersetzung "für den unerschütterlichen Kletterer" - die Wahl von Kettenblatt und Ritzel als Religionsersatz. Eingestreut sind Anekdoten aus dem Rennsport und Erinnerungen an eigene Rennerlebnisse, die Krabbé offenbar akribisch festgehalten hat. Daß sich der große Jacques Anquetil nach einem Bericht seines Edelhelfers vor jedem Anstieg die Trinkflasche ins Trikot steckte, um das Rad leichter zu machen, das entpuppt sich als gut erfunden - und trotzdem als wahr, weil es die Seele dieses Sports auf den Punkt bringt.

Es ist die Zeit von Eddy Merckx, Didi Thurau, Lucien van Impe. Der Stern des Bernard Hinault geht gerade auf. Eine Epoche, in der mediale Komplettvermarktung noch fern war, als der Radsport noch nicht in "die Mischmaschine des Journalismus geraten" war. Heraus kam er dann "als Sich-Quälen, Poupou, Doping Doping, der Helfer darf heute gewinnen". Es galten auch Fahrer, die nicht unter den ersten drei der Tour de France waren. Als ihm ein Mädchen am Straßenrand mit den falschen Vokabeln zujubelt, erkennt er in ihr eine Vertreterin der "Generation der Embleme". Er werde ihr nie verständlich machen können, daß er Radsport aus dem einzigen Grund betreibe - "weil es Radsport ist". Und dieser kennt eben nur einen einzigen Antrieb: "Das ganze Leiden verwandelt sich hinter der Ziellinie in eine Erinnerung an Lust, und je größer das Leiden war, desto größer die Lust."

Mit großer Mühe gelingt es dem sich selbst beobachtenden Psychocyclisten, zur Spitzengruppe aufzuschließen; ohne die Hilfe des tapferen Helfers Lebusque hätte er es nie geschafft. Je näher die Rennfahrer dem Ziel kommen, desto atemloser wird auch die Prosa, desto spannender spitzt sich das Duell wie in Echtzeit mit jenem vornamenlosen Reilhan aus Nîmes zu. Daß er dann im Zeitlupenfinale ausgerechnet gegen diesen Neunzehnjährigen unterliegt, der ihn schon eine Woche zuvor im Sprint bezwungen hat, kann den Triumph dieses Romans nicht gefährden. Krabbé hat den Sprint zu früh angezogen. Ein Hinterradlutscher hat gewonnen. Man kann auch als Zweiter Sieger sein.

Tim Krabbé: "Das Rennen". Aus dem Niederländischen übersetzt von Susanne George. Mit einem Nachwort von Rainer Moritz. Verlag Reclam Leipzig, Leipzig 2006. 168 S., geb., 12,90 [Euro].

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