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: Ich möchte so gerne grimmig grinsen!

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Ein großes Ei kullert durch das Land, über die Wiese, einen Hügel herunter und landet schließlich in einem Entennest. Die Entenmutter wundert sich nicht, sondern brütet einfach weiter. Ein merkwürdiges, so gar nicht standardgelbes Küken schlüpft aus dem Ei. Dennoch lernt Gui-Gui, das Krokodil im ...

          Ein großes Ei kullert durch das Land, über die Wiese, einen Hügel herunter und landet schließlich in einem Entennest. Die Entenmutter wundert sich nicht, sondern brütet einfach weiter. Ein merkwürdiges, so gar nicht standardgelbes Küken schlüpft aus dem Ei. Dennoch lernt Gui-Gui, das Krokodil im Entennest, gemeinsam mit seinen geflügelten Geschwistern die essentiellen Dinge des Entenlebens wie Schwimmen, Tauchen oder den Entenwatschelgang. Und "der Entenmutter war es ganz gleich, wie ihre Küken aussahen. Sie hatte eins so lieb wie das andere."

          Der 1975 geborene taiwanische Autor und Illustrator Chih-Yuan Chen entwirft eine Parabel in Pastell über Adoption und Anderssein, Toleranz und Brüderlichkeit. Doch die Idylle wird eines Tages durch die Ankunft dreier Krokodile gestört. Die bösartig grinsenden Reptilien mokieren sich über Gui-Guis Gang und geben sich mit den Worten "Du bist genau wie wir" als Artgenossen zu erkennen. In einer Schlüsselszene des Buchs betrachtet sich das kleine Krokodil, seiner Identität unsicher, im Spiegelbild eines Waldsees und versucht, möglichst grimmig auszusehen, was gründlich misslingt. Was also ist Gui-Gui: Krokodil? Ente? Das Tier bastelt sich eine neue Identität zurecht und sieht sich als "Entodil".

          Nicht alle teilen diese Perspektive. Die drei Krokodile sehen Gui-Gui nach wie vor als einen der ihren an und bitten ihn, anderntags mit der "Schar leckerer, fetter Enten" das Spiel "Ins-Wasser-Springen von der Brücke" - unter der sie mit aufgesperrten Mäulern lauern würden - durchzuführen. Aber er hat eine großartige Idee, wie er, dem Ansinnen der Blutsverwandten vermeintlich nachkommend, seine Wahlfamilie vor ihnen retten kann.

          Im Universum Chens dominieren gediegene Grau- und Brauntöne. Seine Zeichenkunst bezaubert gerade in den leitmotivisch wiederkehrenden Marginalien und Details wie den kopfüber hängenden Fledermäusen und Waldkäuzen oder der Holzente, die Gui-Gui auf Schritt und Tritt hinter sich herzieht. In raffinierter Komposition - im Wind gebogene Palmenblätter imitieren die wild fuchtelnden Bewegungen der flüchtenden Krokodile - illustriert die belebte Natur das äußere Geschehen. So ist "Gui-Gui" ein expressives Plädoyer für Zugewandtheit und Liebe in der Aufnahmegesellschaft: Auch vor dem Hintergrund aktueller Debatten vermag Chens multikulturelle Entengesellschaft und Patchworkfamilie eine ganz und gar nicht mehr modische didaktische Botschaft zu vermitteln.

          STEFFEN GNAM

          Chih-Yuan Chen: "Gui-Gui, das kleine Entodil". Aus dem Chinesischen übersetzt von Barbara Wang. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 40 S., geb., 12,90 [Euro]. Ab 3 J.

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