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: Ich hatte eine Firma in Afrika

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Zwischen hungernden Kindern und Serengeti-Parks bleibt wenig Raum für Zwischentöne in unserem Bild von Afrika. Wenn wir Europäer dorthin reisen, dann vor allem, um wilde Tiere und nicht um Menschen zu sehen. Enitan, Anwältin und Ich-Erzählerin im Romandebüt von Sefi Atta, jedenfalls hat genug von ...

          Zwischen hungernden Kindern und Serengeti-Parks bleibt wenig Raum für Zwischentöne in unserem Bild von Afrika. Wenn wir Europäer dorthin reisen, dann vor allem, um wilde Tiere und nicht um Menschen zu sehen. Enitan, Anwältin und Ich-Erzählerin im Romandebüt von Sefi Atta, jedenfalls hat genug von den Afrika-Klischees, die sie dazu bringen, erstaunten Engländern erklären zu müssen, dass der erste Löwe sie nicht in Afrika, sondern im Londoner Zoo anbrüllte. Nach dem Schulinternat und einem Jurastudium in England arbeitet sie als Anwältin in London, bis sie das Heimweh und der Ehrgeiz packen. Sie will zurück nach Lagos, um in die renommierte Kanzlei ihres Vaters als Teilhaberin einzutreten.

          Keine leichte Entscheidung, zumal man Lagos, diesen nach Fisch und Öl stinkenden Moloch, nur schwer lieben kann. Schmutzig, laut, gefährlich, nachts versinkt die Stadt nicht selten in völliger Dunkelheit, weil in einem der ölreichsten Länder der Welt wieder einmal die Stromversorgung zusammenbricht, was nebenbei dazu führt, dass die Lebensmittel in den Gefriertruhen und Kühlschränken verderben. Vom Elend, der Armut und einem absurden Zivildienstlager, in dem Enitan mit anderen Universitätsabsolventen nach einem neuerlichen Militärputsch eine patriotische Gehirnwäsche bekommt, ganz zu schweigen. Kurz nach ihrer Ankunft trifft sie eine Freundin aus Kindertagen, was schmerzhafte Erinnerungen und Schuldgefühle weckt. Als Teenager erlebte Enitan, wie Sheri, das muslimische Nachbarsmädchen, Opfer einer Vergewaltigung wurde. Später avancierte die hübsche Sheri zur Schönheitskönigin, die ihr Land bei den Wahlen zur Miss World vertrat. Jetzt, nach dem Tod des Vaters und einem erfolglosen Erbstreit, lässt sie sich von einem korrupten Regierungsmitglied als Mätresse aushalten.

          Unprätentiös und lakonisch erzählt Sefi Atta vom Leben zweier Frauen aus der jungen urbanen afrikanischen Mittelschicht, deren Träume sich kaum von denen ihrer Altersgenossen im Westen unterscheiden, nur dass das Leben in Nigeria ein gnadenlos anderes ist. Das Buch sei, sagte Atta in einem Interview, eine Studie über den Kampf mit der Macht, der in Nigeria an vielen Fronten und besonders erbittert geführt wird. Enitans Vater setzt sich ganz gegen seine Gewohnheit für politische Häftlinge ein und wird prompt selbst in eines der berüchtigten Foltergefängnisse verschleppt. Als die Tochter Kontakt zur Opposition aufnimmt, muss auch sie für eine Nacht in eine der übelriechenden, feuchten Zellen, in denen Frauen ohne jede Hoffnung auf einen fairen Prozess am lebendigen Leib verfaulen. Die Nacht wird für die behütete Rechtsanwältin zum Schlüsselerlebnis. Die politischen Machtverhältnisse zermürben die Frauen, eine patriarchalische Moral und ein bigotter Rechtspluralismus, der Männer schamlos bevorzugt. Während sie ihren inhaftierten Vater in der Kanzlei vertritt, stößt Enitan auf dessen jahrelanges Doppelleben und auf einen Halbbruder. Die Verbitterung der Mutter, die einer obskuren religiösen Sekte angehört, rückt in ein anderes Licht. Unter dem Druck der überkommenen Konventionen leidet auch die junge Generation, deren männliche Vertreter, zuweilen wider Willen, den Macho geben. Zudem droht den Kindern des Ölbooms - anders als ihren Eltern aus der postkolonialen Gründergeneration - permanent der wirtschaftliche Abstieg, dem viele durch Auswanderung zu entkommen suchen, die aber selbst für Akademiker immer schwieriger wird. Ein Bettler, in einer Hand eine Webster-Enzyklopädie, in der anderen eine Klobürste, wird zum Sinnbild einer bizarren Lebenswirklichkeit wie ächzende Stromgeneratoren in einer Wohnsiedlung mit Montessori-Schule.

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