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: Ich erwarte nichts von der Welt

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Sándor Márais zweiter Tagebucheintrag gilt einem aufgebahrten Toten. "Er lag so einsam da, so schmucklos, so bar jeder Festlichkeit ... Er starb, wurde in einen Sarg gelegt, mitten in der Kirche abgelegt. Der Küster würde ihn am Morgen schon finden." Márai durchstreift Pistoia, ein toskanisches Städtchen, alle Sinne geöffnet und zu Vergleichen aufgelegt, als schreibe er an einem Roman.

          Sándor Márais zweiter Tagebucheintrag gilt einem aufgebahrten Toten. "Er lag so einsam da, so schmucklos, so bar jeder Festlichkeit ... Er starb, wurde in einen Sarg gelegt, mitten in der Kirche abgelegt. Der Küster würde ihn am Morgen schon finden." Márai durchstreift Pistoia, ein toskanisches Städtchen, alle Sinne geöffnet und zu Vergleichen aufgelegt, als schreibe er an einem Roman. "Die Luft war schwer mit dem schwülen Duft von Lorbeer und Mimose, dem Geruch der Regenwolken, als trocknete feuchte, schlampig gewaschene, graue Unterwäsche in den Höhen." Ziellos betritt er die Kirche, wo der Tote liegt. Kein Klagegeschrei, kein Weihrauch, nichts, was den Anblick stört. Er kann seinen Blick ungehemmt umherwandern lassen, wahrscheinlich könnte er sich sogar Notizen machen. Und auch wenig später bei der Beerdigung eines Bekannten ist ihm danach: "Ich würde am liebsten alles fotografieren und notieren, die Zimmereinrichtung, die Beleuchtung, das Gesicht des Toten." Der Ruf nach der Feder gerade in erschütternden Momenten mag ein sicheres Zeichen sein: Hier schaut, sammelt, ordnet ein Schriftsteller die Welt, der nicht anders kann als schreiben, "auch dann, ja gerade dann, wenn die Welt am Einstürzen ist".

          Die Form des Tagebuchs ist Márai allerdings neu, als er 1943, mit 43 Jahren, damit beginnt, ein Jahr nachdem sein Roman "Die Glut" erscheint, geprägt noch von der Lektüre des Tagebuchs von Jules Renard, gebannt von der eigenen Ahnung: "Die Literatur hat auch ein unsichtbares Leben; und dieses ist vielleicht das wirklichere." In Ungarn ist er zu diesem Zeitpunkt beispiellos populär, mit Romanen, Dramen und als Journalist präsent, als welcher er viel früher übrigens auch lange in Deutschland für die "Frankfurter Zeitung" schrieb. Jetzt, in Zeiten einer gesteuerten Presse, bricht er konsequent mit dem feuilletonistischen Schreiben. Auch folgende Romane publiziert er vorerst nicht. Doch das Tagebuch-Schreiben wird ihm begleitendes Handwerk, von dem er bis zu seinem Freitod 1989 im Exil, dem kalifornischen San Diego, nicht mehr lässt. Geschätzte siebzehn Bände sollen einmal alle seine Notizen füllen. Vereinzelt erschienen auch hierzulande bereits Auszüge, unter anderem zwei Bände im Oberbaum Verlag. Eine "ungekürzte und sorgfältig überprüfte" Edition stand noch aus. Diese startete 2006 der ungarische Helikon-Verlag, nachdem Márais Nachlass, der bis 1997 in Toronto beim ungarischen Verlag Vörösváry Publishing Company lagerte, nach Budapest ins Petöfi-Literaturmuseum wechselte. Für deutsche Leser gibt der Piper Verlag diese gigantische Edition heraus. Der Anfang ist mit zwei Bänden der Jahre 1943/44 und 1945 nun gemacht.

          Der hier schreibt, ist ein zunehmend gegenüber Ungarn Verbitterter. 1920 war Márais Heimat, Kaschau in Oberungarn, an die Tschechoslowakei angeschlossen worden und Márai ungewollt ein Verbannter. In den vierziger Jahren folgten deutsche, dann russische Okkupation. Aber ganz gleich, welche Fremdmächte gerade wirkten - immer richtet Márai seinen gründlichen Blick reflektierend nach innen, ins Herz des eigenen Volkes, ins einzelne Subjekt. Gnadenlos hoch ist sein Anspruch an die Ungarn, an deren "geistiges Selbstgefühl" er immer weniger glaubt. Und selbst wen Details der ungarischen Geschichte nicht interessieren, dürfte bewegt sein von dieser ständigen inneren Auseinandersetzung um Eigenverantwortung. Für sich selbst hat Márai schon früh eine Unabhängigkeit beschlossen, die sein Überleben sichert, zugleich aber geradewegs in die Einsamkeit seiner allerletzten Jahre zu führen scheint: "Meine einzige Waffe gegen die Welt: Ich erwarte nichts von ihr."

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