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: Ich bin alleine, und ich weiß es

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Monica B. Lexow hat nichts Unrechtes getan. Vielleicht ist ihre Frisur ein bißchen unmöglich, vielleicht trägt sie zu gern Wallekleider, hat ein paar Tuche zuviel gebatikt in ihrem Leben, einige Prosecco zuviel mit diesem Prosecco-Lächeln geleert, sicher hat sie deutlich zu oft "Spannungsverhältnis" gesagt ...

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          Monica B. Lexow hat nichts Unrechtes getan. Vielleicht ist ihre Frisur ein bißchen unmöglich, vielleicht trägt sie zu gern Wallekleider, hat ein paar Tuche zuviel gebatikt in ihrem Leben, einige Prosecco zuviel mit diesem Prosecco-Lächeln geleert, sicher hat sie deutlich zu oft "Spannungsverhältnis" gesagt oder "Gefühlstiefe", "interessant", "bereichernd", "Ausdruckskraft", "poetisch" oder "konträr". Definitiv hat Monica B. Lexow jedenfalls viel zuviel Zeit respektive Herzblut in viel zu gräßliche Knüpfkunst investiert, die sie viel zu instinktlos in ihrem Atelier für Textildesign über Wände und Einrichtung verteilt hat. Man mag das für verzeihlich halten. Man mag Monica B. Lexow eine Existenzberechtigung zubilligen, so wie man auch Götz Alsmann nicht direkt erwürgen würde, bloß weil er Götz Alsmann ist, so wie man auch ein lauschiges, regenbogenwindradbewehrtes Hamburg-Winterhude lieber einfach mal Hamburg-Winterhude sein läßt, statt nur seinetwegen zum Bombenbastler zu werden. Die Menschen haben ja nichts Schlimmes getan.

          In diesem Buch ist das anders. Hier kommt eine fürchterliche, fluchende Nemesis über Monica B. Lexow - ein Mensch, der Simpel heißt und voller eruptiver Wut ist auf: Kindergartenkinder, Kunstprojekte, Straßenbahnpassagiere, Hilfsarbeiter, Medienmenschen, Piercingträger, Rentner, Designer, Mikrobiologen, Zeitgeschichtler ... noch wen vergessen? Egal. Simpel ist böse. Simpel hat ein paar Flaschen Rotwein im Gepäck, ein paar zünftige Schlaftabletten und alles, was man so braucht, um jemand Schlafenden zu tätowieren. Somit gut gerüstet, tritt er in geliehenen Kleidern, die ihn nach einem (verhaßten) Galeristen aussehen lassen, in Monica B. Lexows Atelier, spricht zu ihr unter Überwindung übelster innerer Widerstände von "starken Arbeiten" und "Atmosphäre auf mich wirken lassen", nimmt also die kulturpraktizierende Psychologengattin im Sturm und sorgt für den sehr witzigen und sehr boshaften Höhepunkt eines witzigen und von Boshaftigkeit zerfressenen Romans.

          In diesem Roman steht Simpel einer Vereinigung namens "Desirevolution" vor, die sich mit dem Drehen von Pornofilmen finanziert und ansonsten das Überschreiten von Grenzen als ihren Auftrag sieht: Mitglied Ritmeester betreibt ein Isolationsprojekt, das ihn seit Jahren in seiner eigenen Wohnung gefangenhält, Mitglied Speedo ist vertraglich verpflichtet, sich auf Vereinskosten zu Tode zu saufen. Und Simpels eigene Projekte sind am besten unter dem Begriff "aktive Misanthropie" faß- sowie sämtlich strafbar. Ansonsten enthält das Buch: einen Pornodreh mit homoerotischem Überraschungsmoment, eine im falschesten Moment eingelegte Videokassette, ein verhaltensgestörtes Kind, einen vermeintlichen Selbstmord aus Verzweiflung über dieses Kind, einige ältere Herren, die sich viel mit sich selbst befassen (bei laufendem Fernseher), eine gemeinsame Orgie derselben, Rachefeldzüge hin und her, eine Strafvergewaltigung, eine Gefängnisstrafe, eine Talkshow voller dummer Menschen - Beleidigungen und Dauerschimpfen sowieso.

          Autor Matias Faldbakken hat mit "The Cocka Hola Company" einen der Bucherfolge des Jahres 2001 in Norwegen gelandet. Er wolle nicht provozieren, sagt er, sondern das Provozieren thematisieren: Einer wie Simpel sei verzweifelt über die Begrenztheit künstlerischen Wollens, er wolle Extreme ausloten und müsse doch scheitern, weil letztlich jede Überschreitung absorbiert, internalisiert und gutgeheißen wird. Die Handlung habe er im Pornomilieu angesiedelt, weil der Porno sich in einem der wenigen unscharfen Bereiche bewege, gesellschaftlich zwar verschämt toleriert, aber doch immer noch in geheimen Schränken gelagert. Anders gesagt: Besser kann man Aufsehen kaum planen.

          Das Buch ist anrüchig genug, um Skandalkrawall zu schlagen, ist aber auch Mainstream genug, um ein breites Publikum mitzureißen. Abgerundet wurde die Veröffentlichung durch ein punkiges Pseudonym und die nachfolgende Enthüllung, daß sich eben Matias Faldbakken dahinter verberge, seines Zeichens Sohn von Knut Faldbakken, der in Norwegen für einen wichtigen Autor gehalten wird und dessen Bücher (so nehmen wir an) von Monica B. Lexow sicher "regelrecht verschlungen" worden sind und ihr "unheimlich was gegeben" haben.

          Jung und wild kommt dieser Norwegenseller daher, flott, heteromorph und streckenweise sehr lustig, läßt er sich immerhin besser weglesen als das meiste, was bedeutungsvoll als deutsche Gegenwartsliteratur dahertrabt und -wiehert. Wirklich anfreunden mag man sich dennoch nicht mit dem Werk: Zu sehr speist es sich, als "skandinavische Misanthropie" unterbetitelt, aus Verachtung: Man möchte nicht 460 Seiten lang nur von Antipathen umgeben sein, über die sich lustig zu machen leicht ist - was weidlich getan wird. Beim Lesen schleicht sich dasselbe schale Gefühl ein, das wir mit dem dummdeutschen Begriff der "Popliteratur" in Verbindung bringen: Der Ekel des Erzählers, schließt man als Leser irgendwann, schließt mich ein. Man mag eine solche Haltung provokant oder interessant finden. Man kann es aber auch als handwerklichen Fehler sehen. Ein gutes Buch, egal, von wem es handelt, muß den Leser zum Mitfühlen verführen. Hier aber regt sich fast ausschließlich: süffisante, eitle Erheiterung.

          KLAUS UNGERER

          Matias Faldbakken: "The Cocka Hola Company". Skandinavisk misantropi. Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Blumenbar Verlag, München 2003. 462 S., geb., 22,- [Euro].

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