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Ian McEwan: Abbitte : Vergiftete Zeilen

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Lesen gefährdet den Charakter: In Ian McEwans Meisterwerk kommt das Böse in Form eines zwölfjährigen Mädchens daher. Eine zerstörende Geschichte von unmöglicher Liebe, Selbsterkenntnis und Schuld, die die Frage stellt, welche Auswirkungen Literatur haben kann.

          Im Sommer des Jahres 1935 ist es für englische Verhältnisse ungewöhnlich heiß - so heiß, daß man mißtrauisch werden muß. Eines der vielen Kunststücke, die Ian McEwan in seinem neuen Roman „Abbitte“ vollbringt, besteht darin, diese Hitze so fühlbar zu machen, daß sie nicht nur als Begleitumstand, sondern fast als Ursache für jene Ereignisse erscheint, die am heißesten Tag jenes Sommers 1935 auf dem Landsitz der Familie Tallis in Surrey ihren fatalen Lauf nehmen. McEwan macht die Hitze zu einer seiner Hauptfiguren. Von Seite zu Seite wird es wärmer, fast schon bricht dem Leser der nervöse Schweiß aus, etwas Unerhörtes liegt in der Luft. Zunächst passiert jedoch nur wenig.

          „Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, daß die Welt genau so und nicht anders zu sein hat.“ In diesem scheinbar harmlosen Satz, der die Hauptfigur des Romans vorstellt, steckt eine Sprengkraft, deren ganze Tragweite sich erst einige hundert Seiten später erweisen wird. Der Roman besteht aus drei Teilen: Der erste, der gut die Hälfte der 530 Seiten ausmacht, schildert einen einzigen Tag, der das Leben aller Beteiligten verändern wird. Mit Briony tritt eine typische Dreizehnjährige auf, altklug, neugierig, träumerisch und von dem Wunsch beseelt, endlich zu den Erwachsenen zu gehören. Als Nachzügler zu zwei älteren Geschwistern, mit einer migränegeplagten Mutter und einem Vater, den wichtige Geschäfte und eine Geliebte häufig in London festhalten, bleibt das Kind meist sich selbst überlassen. Die mangelnde Aufsicht kommt ihr gelegen, denn längst steht für Briony fest, daß sie Schriftstellerin werden will; sie schreibt an einem herzzerreißenden Stück mit dem Titel „Die Heimsuchungen Arabellas“, das zur Begrüßung des angebeteten Bruders Leon uraufgeführt werden soll. Zur Rollenbesetzung kommen ihr die soeben eingetroffene Kusine Lola und deren kleine Zwillingsbrüder gerade recht. Sie sollen auf dem Land eine Weile dem elterlichen Scheidungskrieg entgehen.

          Wo die Wärme zum Vorboten dräuender Ereignisse wird

          Je näher der Aufführungstermin rückt, desto mehr füllt sich das Haus. Brionys Schwester Cecilia ist gerade aus Cambridge zurückgekehrt, wo sie ihr Studium mit einer mittelmäßigen Note abgeschlossen hat. Leon hat einen Freund mitgebracht, Paul Marshall, den vermögenden Besitzer einer Schokoladenfabrik. Und dann taucht an diesem heißen Tag noch Robbie Turner auf, Sohn der Putzfrau und ein langjähriger Bekannter der Familie. Vater Tallis hat dem begabten, ehrgeizigen Burschen das Studium in Cambridge finanziert, das dieser gerade mit Auszeichnung absolviert hat. Robbie und Cecilia, die sich an der Universität angestrengt aus dem Weg gingen, stoßen an diesem Tag bei mehreren denkwürdigen Begebenheiten aufeinander und entdecken bis zum Abend, daß sie sich nicht verabscheuen, sondern lieben.

          Es spricht für Ian McEwans Roman, daß man kaum über seine Handlung schreiben kann, ohne Gefahr zu laufen, zuviel zu verraten. Als der schottische Schriftsteller für seinen letzten Roman 1998 den Booker-Preis gewann, herrschte wenig Zweifel daran, daß er die Auszeichnung verdiente - allerdings nicht für jenes Buch. „Amsterdam“ war ein zwar spannender, doch insgesamt eher schwacher Roman über die Fallstricke, welche auf die Mächtigen in Politik, Finanzwelt und Medien warten. So mag man „Atonement“, was übersetzt soviel bedeutet wie Sühne, Buße oder eben „Abbitte“, auch als Wiedergutmachung auffassen.

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