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Ian McEwan: Abbitte : Vergiftete Zeilen

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McEwan liebt es, gewöhnliche Menschen mit ungewöhnlichen Situationen zu konfrontieren, und es gelingt ihm immer wieder bravourös, im Leser die Ahnung von unmittelbar bevorstehenden Katastrophen zu wecken. So auch in „Abbitte“, wo die Wärme zum Vorboten dräuender Ereignisse wird: „Sie dachte an die immense Hitze, die über Haus und Park aufstieg, diesig über den Grafschaften rund um London lag und Höfe und Städte erstickte, und sie dachte an die glutheißen Schienen, die Leon und seinen Freund herbrachten, an das Abteil unter schwarzem Dach, in dem sie bei offenem Fenster geröstet wurden.“

Ein Brief und seine Folgen

Mit charakteristischer Genauigkeit schildert McEwan die Personen, das Haus und die sich anbahnenden Ereignisse, die den Leser dennoch kalt erwischen. Zunächst schreibt Robbie Cecilia einen Brief, in dem er ihr seine Liebe und sein Verlangen gesteht. Briony, die die Botschaft überbringen soll, öffnet den Brief und zieht folgenschwere Schlüsse aus den unbeholfen-drastischen Liebesschwüren, zu denen sich Robbie von einem Anatomiebuch inspirieren ließ. Sie hält Robbie für einen besessenen Erotomanen, vor dem sie ihre Schwester beschützen will. Dieser Entschluß mündet in einen schrecklichen Irrtum. In jener Nacht wird Briony im Garten Zeugin eines Geschehnisses, das sie unter dem Eindruck des Briefes nur auf eine Weise deuten kann: Sie belastet Robbie und zerstört damit sein Leben.

Im zweiten Teil beschreibt McEwan das Grauen von Robbies Erlebnissen beim britischen Expeditionsheer in Nordfrankreich mit der gleichen kinematographischen Sprache wie den schwülen Sommertag auf Tilney Jahre zuvor. Daß Robbie nicht wahnsinnig wird, verdankt er allein den Briefen Cecilias, die inzwischen als Krankenschwester in London arbeitet. Jede Zeile, die sie einander schreiben, vibriert von dem Echo des Leids, das Brionys Falschaussage dem Paar zugefügt hat. Die Schuldige selbst tritt erst im dritten Teil wieder auf; sie arbeitet als Lernschwester in einem Londoner Hospital - eine Tätigkeit, die von der Angst beherrscht wird, einen Fehler zu machen. Unablässig denkt sie über ihre Tat nach - und schreibt. Denn das Schreiben ist „der einzige rote Faden, das einzig Beständige in ihrem Leben. Es war, was sie schon immer getan hatte.“ Engagiert erledigt sie ihre Arbeit, doch mehren sich die Anzeichen, daß der gewohnte Krankenhausbetrieb aufgegeben werden muß - mit dem Andrang von verwundeten Soldaten ist die Schonzeit für Lernschwestern vorbei. Als Briony einem Verletzten den Kopfverband lockern will, kommt ihr die Hirnmasse entgegen: dem Mann ist ein Teil des Schädelknochens weggeschossen worden. McEwan, meisterhaft in der Beschreibung grausiger Details, duldet kein Wegsehen. Briony muß begreifen, daß kein noch so tapferer, selbstloser Akt ihren früheren Fehler ungeschehen machen kann, auch ihr Besuch bei Cecilia nicht.

Ohne demonstratives Muskelspiel

Schon in seinem 1978 veröffentlichten „Zementgarten“ hat McEwan die unheimliche Zone zwischen Kindheit und Erwachsensein beleuchtet. Nun steht Briony im Mittelpunkt seines Bildungsromans, und mit dem Autor versucht der Leser zu ergründen, warum das Mädchen so hartnäckig bei seiner Version bleibt. Das Motiv liefert McEwan zwischen den Zeilen: Sie will als eigene Autorität vor den Erwachsenen bestehen. Vor allem aber glaubt die dramatisch veranlagte Briony, daß das Leben der Literatur nacheifern sollte, daß wahre Geschehnisse sich nicht von erdachten unterscheiden. Sie findet, daß es in ihrem Leben wie in dem einer Romanfigur einen Wendepunkt geben muß, ein Ereignis von solcher Tragweite, daß es sie übergangslos in das Reich der Erwachsenen katapultiert - selbst wenn diese sie dafür verabscheuen sollten: „Von einem Erwachsenen gehaßt zu werden aber glich der feierlichen Aufnahme in eine neue Welt, war gleichsam eine Beförderung.“

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