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Eckhart Nickels Roman Hysteria : Das kulinarische Institut hat sich was Leckeres ausgedacht

  • -Aktualisiert am

Herzhaft reinbeißen? Was falsch ist und was echt, das weiß man bei der Lektüre von „Hyteria“ bald nicht mehr. Bild: Getty

Theater des Grauens: Eckhart Nickels Roman „Hysteria“ überspitzt eine Satire des Bio-Wahns zum ästhetizistischen Horrortrip. Der dezidierte Retro-Erzählton hält den Leser trotzdem in der Geschichte.

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          Seit Joris-Karl Huysmans’ dekadenter Held Des Esseintes im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert seine Schildkröte mit Edelsteinen besetzte, um das Lebewesen ohne Rücksicht auf dessen Gesundheit künstlich zu verschönern, sind moderne Leser vertraut mit einem Stil-Fanatismus, der größer ist als die Natur. Die literarische Überspitzung mochte schon damals allerdings nur eine Chiffre sein für alles, was der Mensch im Zuge seiner wachsenden technischen Möglichkeiten der Natur angetan hat, um sein eigenes Leben zu verbessern und verschönern.

          Jan Wiele
          (wiel), Feuilleton

          In Eckhart Nickels Roman „Hysteria“ tritt eine Gegenbewegung an, um genau diese Entwicklung wieder rückgängig zu machen: Die sogenannten „RousseauHusaren“ verfassen ein Manifest des „spurenlosen Lebens“, laut dem die Evolution des Menschen ein bedauernswerter Unfall ist und worin die „nutzlose“ Spezies sich verpflichtet, allen Raubbau an der Natur zu beenden, wenn möglich Schäden zu beheben und sich fortan nur noch von Pflanzenresten zu ernähren, die keine Verbindung mehr zu ihrem Organismus haben.

          Die radikale Sekte hat sich zwar noch nicht flächendeckend durchgesetzt, aber immerhin erste Schritte in ihre Richtung hat auch der Staat in der Welt dieses Romans schon eingeleitet, in dem die „neu an die Macht gekommene Naturpartei“ regiert. In dieses zwischen heutiger Realität und Satire changierende Biotop wirft der Autor eine Figur, die nur einen Nachnamen trägt: Bergheim, was vielleicht an Kafkas älteren Junggesellen Blumfeld erinnern mag und ein gewisses wahnhaftes Erleben bereits voraussagt.

          Synästhetische Trips in der Aroma-Bar

          Bergheim ist Student und bildet mit seinen Kommilitonen Ansgar und Charlotte ein verschworenes Trio, das mitten zwischen universalistischem Wissensdurst und Statusdenken, antiquiert-dandyhaftem Verhalten und Avantgarde-Träumen noch dabei ist herauszufinden, wie es eigentlich leben will. Man frequentiert eine wunderbare Antiquariatsbuchhandlung, in der zum Tee die Weltkultur serviert wird, besucht gemeinsam eine ebenfalls phantastisch anmutende Naturkundevorlesung, die in die Tiefen der Erdgeschichte führt, während nebenan im Öko-Copyshop die Zukunft durchgespielt wird.

          Für einen Ausschnitt aus seinem Roman wurde der Autor Eckhart Nickel 2017 in Klagenfurt mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet.
          Für einen Ausschnitt aus seinem Roman wurde der Autor Eckhart Nickel 2017 in Klagenfurt mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet. : Bild: Picture-Alliance

          In einem dezidierten Retro-Erzählton und mit ästhetizistischer Akribie kostet Eckhart Nickel die märchenhafte Beschreibung dieser Welt aus, die ihren Höhepunkt im Besuch einer Aroma-Bar findet. Dort begibt man sich zur Musik von Kraftwerk oder Jean-Michel Jarre auf duftgeleitete synästhetische Trips, die Aldous Huxleys „Feelies“ noch in den Schatten stellen. Dazu nippt man an alkoholfreien Naturcocktails wie dem blutroten „Stokerama“, der auf Roter Bete, Blutorange, Lakritz und schwarzer Johannisbeere basiert – garniert mit einer winzigen Prise „Handmined Crushed Tibetan Pink Sundried Single Rock“, vulgo: Salz.

          Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht

          Die studentische Phase von Bergheim und seinen Freunden liegt zu Beginn des Romans allerdings schon in der Vergangenheit. Wir begegnen hier dem Protagonisten Jahre später auf einem Bio-Bauernmarkt, und gleich der erste Satz deutet an, dass inzwischen mit der Schöpfung etwas schiefgegangen ist: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Durch diesen Satz besiegelt das Buch zugleich seinen Drang zum phantastischen Horrortrip: Denn nicht nur mit den merkwürdig fadenscheinigen Himbeeren aus einer Kooperative namens „Sommerfrische“ stimmt etwas nicht, auch die Tiere auf dem Markt offenbaren wunde Stellen im Fell, unter denen kein Blut, sondern eine gräulich glänzende Fleischmasse zum Vorschein kommt, die „verdorbener Hähnchenbrust in Zellophan ähnelte“.

          Eckhart Nickel: „Hysteria“, Piper Verlag.
          Eckhart Nickel: „Hysteria“, Piper Verlag. : Bild: Piper Verlag

          Beim Versuch, der Ursache auf die Spur zu kommen, landet Bergheim in einem sonderbaren kulinarischen Forschungsinstitut, in dem er überraschenderweise seiner früheren Freundin Charlotte wiederbegegnet, die allerdings zombiehafte Züge trägt, später auch Ansgar und einer weiteren Kommilitonin von früher, die schließlich zur Aufklärung einer über Buchlänge spannend gehaltenen Schreckensvermutung über die künstliche Herstellung der Wirklichkeit im Labor beiträgt. Die innerfiktionale Wirklichkeit des Geschilderten, somit auch die des Schrecklichen, wird allerdings durch mehrfache Andeutung von Wahn- und Traumzuständen auch wieder relativiert.

          Das Heidelberger Leben blieb nicht spurenlos

          Als Roman ist „Hysteria“ selbst ein reichlich seltsames Gebilde, dessen größten Teil die beschriebene Rückblende in die Studentenzeit ausmacht, die allerdings nicht im Plusquamperfekt von der Rahmenerzählung abgesetzt ist, sondern ebenso wie diese im epischen Präteritum steht – da kann man gelegentlich schon mal etwas durcheinanderkommen. Vielleicht kann man sich das Wahrnehmen dieses Gebildes so vorstellen wie den Spaziergang auf dem Rand einer auf die Spitze gestellten Horror-Himbeere, bei dem man plötzlich in deren dunklen Innenraum stürzt, um sich dann mühsam wieder zum Rand hochzuarbeiten.

          Eckhart Nickel, der mit Christian Kracht einmal so etwas wie die Heidelberger Zelle der Popliteratur gebildet hat, greift insbesondere in der Universitätsepisode des Buchs die seit Krachts „Faserland“ vielverhandelten Themen Dandyismus und Ästhetizismus satirisch wieder auf. Das Heidelberger Leben ist auch in diesem Roman wohl nicht ganz spurenlos geblieben, wie sich an Spielereien wie dem Namen Bergheim zeigt, aber auch anhand einer Buchhandlung namens Weiss, die in der Wirklichkeit leider inzwischen nicht mehr existiert, im Roman dafür zu einem märchenhaften Palast aller verschwundenen oder verschwindenden schönen Dinge emporwächst, in dem die Regale noch höher sind, als es die von Friedrich Gundolf je waren.

          Wie ein gigantischer Fake-Weihnachtsbaum

          Den Hang zum spielerisch ausgekosteten Beschreiben von Kunst- und Modegegenständen, den Nickel als Stilkolumnist, auch in dieser Zeitung, seit längerem pflegt, hat er in seinem Romandebüt auf die Spitze getrieben; er hat dem Buch aber durch den Ausgriff in Phantastik und Science-Fiction noch eine ganz andere Wendung gegeben. Wie er darin grassierende Verschwörungstheorien mit aktuellen Problemen der Nahrungsmittelindustrie zusammenbringt und den Leser immer wieder im Unklaren über die Verlässlichkeit des Erzählten lässt, ist durchaus einnehmend, gerade weil es in so übertriebener, das Genre des Ökothrillers auch wieder parodierende Weise geschieht. Sein Titel „Hysteria“ mag zudem an ein umstrittenes Lied von Def Leppard erinnern.

          Mit ästhetischen Verweisen und Zitaten ist dieses Buch über und über behängt wie ein gigantischer Fake-Weihnachtsbaum, den man staunend betrachtet, bis er schließlich abgefackelt wird. Aber „ausgezeichnete Elektromusik aus allen überlieferten Epochen, dazu Getränke, die man sonst nirgendwo bekam und die einen fast ausnahmslos ohne Alkohol nach vorne brachten“, dazu „eine perfekte quadratische Tanzfläche, über die im Karree ein Lichtband lief“ – welcher andere Roman bietet einem das schon?

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