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: Hunger auf Welthaltigkeit

  • Aktualisiert am

"Tauchgänge" nennt Christoph Steier die qualvollen Begegnungen seines bulimischen Protagonisten Kilian Lohmann mit der Toilettenschüssel. Das dritte Kapitel des Romans, schlicht "Hunger" betitelt, führt die Realität dieser Tauchgänge mit filmischer Drastik vor Augen, bis die Fugen zwischen den Badezimmerfliesen sichtbar werden.

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          "Tauchgänge" nennt Christoph Steier die qualvollen Begegnungen seines bulimischen Protagonisten Kilian Lohmann mit der Toilettenschüssel. Das dritte Kapitel des Romans, schlicht "Hunger" betitelt, führt die Realität dieser Tauchgänge mit filmischer Drastik vor Augen, bis die Fugen zwischen den Badezimmerfliesen sichtbar werden. Es steht für sich wie eine klassische Short Story, dicht und effizient erzählt.

          Dieser Erzählkern steht jedoch in merkwürdiger Diskrepanz zum Rest des Romans, der sich nicht so recht entscheiden kann, was er sein will: Kafka-Parodie im ersten Satz und auch sonst um literarische Anspielungen bemüht; Milieustudie um einen Zivildienstleistenden auf Sinnsuche; größtenteils aber szenischer Entwurf einer Welt von Zwanzigjährigen, die einander pausenlos auf Neudeutsch anpeilen, etwa: "Hey, nicht so aggro, du Diva!"

          Der Welteroberergestus dieser Jünglinge, die gerade einmal "das erste Semester gerockt haben", geht schon nach kurzer Zeit auf die Nerven. An manchen Stellen wirkt es, als wollte Steier die These vom plakativen Archivismus der Popliteratur, also einer Identifikation über Markenprodukte und modisches Insiderwissen, noch einmal untermauern - kaum eine Seite, auf der nicht von bestimmten Schuhen, Handtaschen oder Zigaretten markig die Rede geführt wird. So beschäftigt es Kilian neben der Essstörung zum Beispiel stark, dass sich seine "vermeintlichen Edelkippen als Proletenmarke der Engländer erwiesen hatten".

          Mehr als eine Dekade ist es nun her und damit nur noch von historischer Bedeutung, dass Stuckrad-Barre und andere Autoren dieses Prinzip überstrapazierten. Selbst das zugehörige literaturwissenschaftliche Standardwerk, Moritz Baßlers Studie "Der deutsche Pop-Roman" (2002), wirkt durch den teilweise mit den Gegenständen enggeführten Tonfall nicht mehr ganz taufrisch. Die Kehrseite der gesteigerten "Welthaltigkeit" der Aktualitätsprosa ist, dass viele ihrer Bezüge morgen schon wieder vergessen sind.

          Diese Gefahr droht auch Steiers Buch. Dennoch liest man die Geschichte von Kilians Heißhunger, insbesondere den Part seines Klinikaufenthaltes und der schließlich beginnenden Genesung, mit Gewinn, weil der Autor in den Passagen der Innensicht seiner Hauptfigur eine originelle Sprache für diese gesellschaftlich brisante Problematik findet. Bulimie betrifft, wie viele Therapeuten und Lehrer zu berichten wissen, längst nicht mehr nur das weibliche Geschlecht.

          JAN WIELE

          Christoph Steier: "Tauchertage". Roman. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2008. 190 S., geb., 18,- [Euro].

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