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Howard Jacobson: Die Finkler-Frage : Die witzigste jüdische Versuchung seit Philip Roth

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Wer kennt den Briten Howard Jacobson? Nicht nur, weil er den Booker-Preis gewonnen hat, sollte man „Die Finkler-Frage“ unbedingt lesen: Der Roman ist großartig komisch und klug.

          Anders als die amerikanische hat die britische Literatur keine ausgeprägt jüdische Romantradition, obwohl es, von Anita Brookner über Stephen Fry oder Zoe Heller bis zu Harold Pinter, durchaus nicht an Autoren fehlt. Es war der junge amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer, der im vergangenen Jahr auf diese Lücke hinwies: Hätte Howard Jacobson seine bisherigen Romane statt in Großbritannien in den Vereinigten Staaten verfasst, so Foer, wäre er dort inzwischen einer der ganz Großen und würde in einem Atemzug genannt werden mit Saul Bellow und Philip Roth, und, wie man hinzufügen darf, auch Safran Foer selbst.

          Aber Howard Jacobson, der nach eigenem Bekunden „lieber die jüdische Jane Austen als der englische Philip Roth“ sein möchte, ist eben kein amerikanischer Schriftsteller – und als Leser kann man nur sagen: zum Glück. Denn es ist schon sehr lange her, dass Philip Roth so witzig, sarkastisch und selbstironisch über das Mann- und Judesein geschrieben hat wie Howard Jacobson in seinem Roman „Die Finkler-Frage“. Im vergangenen Herbst wurde er dafür mit dem Booker-Preis belohnt; mit achtundsechzig Jahren war der Autor aus Manchester damit nach William Golding der zweitälteste Autor, dem die begehrte Ehrung bislang zuteil wurde. Jetzt endlich liegt der Roman auch auf Deutsch vor.

          Höheres Unglück

          Der Held von „Die Finkler-Frage“ heißt Julian Treslove und hat eigentlich nur eine große Begabung, und das ist die, in Tragik zu schwelgen. Bisher bestand sein einziges Unglück allerdings darin, dass sein Leben in den bisher fünfzig Jahren zur ausgeprägter Schwermut wenig Anlass gegeben hat, trotz vieler gescheiterter Beziehungen und einem Rauswurf bei der BBC. Denn Julian, für den Sehnsucht und Melancholie unbedingt zusammengehören, träumt von höherem Unglück: „Der vorzeitige Tod einer schönen Frau – gab es etwas Poetischeres?“

          Auf der Suche nach einer Frau, die melodramatisch in seinen Armen dahinsiecht, ist seine Verliebtheitsbereitschaft grenzenlos, ihre Wirkung auf das andere Geschlecht jedoch begrenzt, und so hat Julian es mit seinem selbstdiagnostizierten Ophelia-Komplex lediglich zu zwei Söhnen von zwei Frauen gebracht, die allesamt noch sehr lebendig sind. Die Erfahrung, zu der er sich berufen fühlt, machen derweil andere, nämlich seine beiden Freunde Libor Sevcik und Samuel Finkler. Nicht genug damit, dass beide frisch verwitwet sind, haben sie Julian noch etwas voraus: Sie sind Juden, wie widerstrebend und kritisch auch immer – und besitzen damit für Julians neidvolle Auffassung ganz ohne eigenes Zutun eine der Tragik beneidenswert benachbarte Identität.

          Nichtjude, Nichtvater, Nichtredakteur und Nichtfrauenheld

          Just, als er von einem Abendessen mit Libor und Sam kommt und diesen Gedanken noch gar nicht richtig zu Ende gedacht hat, fällt Julian einer denkwürdigen Raubattacke zum Opfer – die vielleicht, vielleicht auch nicht antisemtisch motiviert war. Julian ist geradezu hysterisch davon überzeugt, dass die Frau, die ihm Portemonnaie, Uhr und Füller abgenommen hat, ihn dabei als „Du Jud!“ beschimpft hat. Darf, wer solches zu erdulden hatte, denn nicht auf Sympathie von Seiten derer rechnen, in deren Namen er verunglimpft wurde? Endlich scheint der Nichtjude, Nichtvater, Nichtredakteur und Nichtfrauenheld, den man als Doppelgänger von berühmten Schauspielern für Partys mieten kann, auf seiner Suche nach einer deutlichen Identität, einem Zugehörigkeitsgefühl im richtigen Leben angekommen.

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