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Houellebecq über Schopenhauer : Seht her, das ist mein Philosoph!

Polemische Seitenblicke auf die Gegenwart

Aber dann ist schon der Theoretiker der reinen Anschauung dran, „der klaren Kontemplation, die aller Kunst zugrunde liegt“, wie Houellebecq kommentiert. Denn in der Fähigkeit „zur passiven und gleichsam gefühllosen Betrachtung der Welt“, die sich überdies an jedes Ding haften könne, liege der Ursprung allen künstlerischen Schaffens. Was man freilich nicht lernen könne, weshalb es ein paar Zeilen weiter gleich um die Schließung der Kunsthochschulen geht und die Auflösung des Studium der Philosophie gleich dazu, weil Schopenhauer selbst doch vor Augen führe, dass es auch in ihr im Kern um Intuitionen künstlerischer Art geht. Hübsch polemisch, natürlich, und eben auf der Spur von Schopenhauers Primat der Kunst.

Auf Deutsch bei Dumont: „In Schopenhauers Gegenwart“. 80 Seiten, Lesebändchen, Originalverlag: Éditions de L’Herne, Paris 2015, Originaltitel: En présence de Schopenhauer.

So geht’s dahin, mit Seitenblicken auf den Kunst- und Literaturbetrieb der Gegenwart, der sich selbstredend als Ablenkung vom Wesentlichen zu erkennen gibt. Und natürlich steht man vor der Frage, wie weit Houellebecqs Lob von Schopenhauers Ästhetik seine eigene Poetik bestimmt. Etwa dann, wenn er Schopenhauers Überlegungen darüber anführt, wie große Dichter das Tragische im Trauerspiel hervorbringen. Die dritte Variante, sie aus der zwangsläufigen Kollision moralisch nicht weiter auffälliger Akteure zu gewinnen, so dass sich das Böse gar nicht verorten lasse (was ja schon Schopenhauers Zeitgenossen Hebbel umtrieb), tut es ihm an: Diese „Tragödie der Banalität, erzeugt durch gewöhnliche Umstände und dadurch nur noch unentrinnbarer gemacht, muss noch geschrieben werden“.

Das Vermögen aber muss wohl erhalten werden

Geht es da wirklich um die Bühne? Oder ist es doch ein Vorsatz des Romanciers? Eine Bescheidenheitsgeste, wo er doch die Banalisierung schon weit, vielleicht sogar darüber hinaus getrieben hat? Und fielen einem dann nicht Autoren ein, von Flauberts „Madame Bovary“ aufwärts, die die Vorgabe recht gut erfüllten? Houellebecq lässt da manches in der Schwebe. So auch dann, wenn er gegen den Schluss hin Schopenhauers Abwägungen nachgeht, wer nun die größeren Glücksmöglichkeiten habe, der fein innervierte geistige Mensch oder der beschränkte „Klotz“.

An Schopenhauers Bemerkung, es sei „oft genug, und nicht ohne Schein, behauptet worden, der geistig beschränkteste Mensch sei im Grunde der glücklichste, wenn gleich keiner ihn um dieses Glück beneiden mag“, hängt er nur kokett zweideutig die Frage an: „Ist das wirklich sicher?“ Aber den Beschluss hat dann doch eine banal klingende Ansage zu machen: Glücksaussichten hin oder her, über die man ohnehin nicht verfügt, der Rentier Schopenhauer bestand jedenfalls darauf, dass es der geistigen Unabhängigkeit unbedingt förderlich ist, erworbenes oder ererbtes Vermögen wohl zu erhalten: „Nur unter dieser Begünstigung des Schicksals ist man als ein wahrer Freier geboren“ und vom „allgemeinen Frondienst emancipiert“. Das soll sie wohl auch sein, die Ankunft in Schopenhauers ewiger bürgerlicher Gegenwart.

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