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Holger Hof: Gottfried Benn : Seine Muse war die Krise, seine Freundin war das Bier

Der Kugelschreiber: das „einzige Vehikel, mit dem ich mich bewegen kann“

Hofs Darstellung, und das ist ihr erzählerischer Kniff, setzt mit dem Ende dieser „aristokratischen Form der Emigration“ in der Wehrmachtsetappe ein, mit dem Augenblick, in dem Benns Existenz in den Strudel der Kriegsereignisse gerissen wird. Im Januar 1945 lebt der Oberfeldarzt Benn mit seiner zweiten Frau Hertha in Landsberg an der Warthe, wo er die ersten seiner „Statischen Gedichte“ verfasst. Die deutsche Ostfront zerbricht, russische Panzer nähern sich dem Städtchen, die Benns müssen fliehen. Benn, der für die Zugbillets die letzte Flasche Rotwein opfert, schickt seine Frau nach Berlin und reist im offenen Viehwaggon nach. Als im April das Ende des „Dritten Reiches“ absehbar wird, will er Hertha in Neuhaus an der Elbe in Sicherheit bringen. Doch der Ort, scheinbar im amerikanischen Einflussbereich, fällt an die Rote Armee. Am 2. Juli nimmt sich Hertha Benn in Neuhaus das Leben.

Es ist der Nullpunkt in Benns Biographie. Drei Monate lang bleibt sein Notizkalender, den Hof zum ersten Mal systematisch auswertet, leer; selbst die Atombombe auf Hiroshima (die Hof irrtümlich auf Juli datiert) ist ihm keine Zeile wert. Erst im Herbst greift er wieder zum Kugelschreiber, dem „einzigen Vehikel, mit dem ich mich bewegen kann“. Nun beginnt die „Phase II“, die Zeit seiner größten Wirkungsmacht, die Phase des Ruhms.

Ein gänzlich unheroisches Betriebsgeheimnis

Klaus Theweleit hat in seinem „Buch der Könige“ das „Frauenopfer“ zum Leitmotiv einer furiosen Benn-Deutung gemacht. Hof geht nicht so weit, obwohl er keine der Bennschen Liebschaften unerwähnt lässt, und er folgt auch Helmut Lethen nicht, der aus Benns Werk und Habitus die „Verhaltenslehren der Kälte“ des deutschen Militarismus herauslas. Bei Hof steht stattdessen das Muster aus Krisen und Wiederaufschwüngen im Zentrum, mit dem Benn ein ums andere Mal seinen Wörtersee vor dem Austrocknen bewahrte. Schon der frühe Benn psychosomatisierte, um aus der Kaserne ins Romanische Café zu entkommen. Der Krebstod seiner Mutter gab den Anstoß für die expressionistischen Gedichte der „Morgue“; die besten der „Statischen Gedichte“ entstanden im Chaos der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Krise war für diesen „Spezialisten für Häutungen aller Art“ (Hof) kein Unglück, sondern ein Lebensprinzip, eine wiederkehrende Gelegenheit, neu zu beginnen. Seine abgelegten Identitäten ließ er im Lethe zurück, in dem der „Mann ohne Gedächtnis“ regelmäßig badete; „unser schwaches Erinnerungsvermögen hält uns am Leben“, notierte er acht Monate vor seinem Tod.

Von diesem Deutungsrahmen abgesehen, hält sich Hof mit Thesen zu Benns Leben erfreulich zurück. Sein Buch ist auch in dem Sinn auf der Höhe Benns, als es dessen Formbewusstsein in seiner eigenen Erzählökonomie spiegelt. In Hofs Benn-Haus hängen keine Foucaults, und es wird auch kein Lacan gespielt. Hier spricht der Dichter selbst, auch dort, wo er „plötzlich schlecht“ (Klaus Mann) oder feierabendlich beschwipst schreibt, wie in der „Bierode“ aus Benns Zeit als Garnisonsarzt in Hannover (F.A.Z. vom 25. September 2010), die sein Biograph in voller Länge wiedergibt. „Welch gewaltiger Schritt der Natur / Bis zum Gerstensaft! / Autochtone Durstregelung, / Flüssigkeitszufuhr / halb aus Trieb u halb aus Lust, / Erhabenes Erhobensein / über die Vorstufen / von Dahindämmern u. Arterhaltung!“, heißt es dort, und einige Verse weiter: „im edlen Bräu, / vergleichbar den Hannoverschen Besonderheiten. / Härke, Gilde, Lindener Spezial, / von Bier zu Bier / die grosse Linie der Menschwerdung / Hallelujah, Pröstchen!“

In dieser Theorieabstinenz bei gleichzeitiger Ausschöpfung aller verfügbaren Quellen liegt die Noblesse eines Buches, das sich hinter keiner der klassischen Benn-Studien zu verstecken braucht. Deshalb seien dem Autor auch gelegentliche Abstürze in einen nachgekauten Benn-Ton verziehen: „Besessen von Unerinnerlichkeit, schuf er das Erträglich und aus dem Vergessen des Gestern die Neuheit der Stunde.“ Es ist wahr, die Coolness dieses Dichters, sein raffiniert verschattetes Pathos, der melancholische Sound seiner Zerebrallyrik wirken immer wieder unwiderstehlich. Aber dieser Heroiker des Nichts (“ich bin für Vacuum“) hatte zugleich ein gänzlich unheroisches Betriebsgeheimnis: sein Leben. Dieses Geheimnis mit souveräner Genauigkeit ausgeleuchtet zu haben, ist das Verdienst von Holger Hofs Biographie.

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