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: Hitlers Hippies

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Es war in München, wo die Reise des Bernward Vesper begann, es war Anfang August im Jahr 1969, und Barton war auch dabei, der Maler aus New York; sie hatten sich das LSD auf der Leopoldstraße besorgt, und im Englischen Garten, oben auf dem Monopterus, meinten beide, als ob sie blutige Anfänger wären, ...

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          Es war in München, wo die Reise des Bernward Vesper begann, es war Anfang August im Jahr 1969, und Barton war auch dabei, der Maler aus New York; sie hatten sich das LSD auf der Leopoldstraße besorgt, und im Englischen Garten, oben auf dem Monopterus, meinten beide, als ob sie blutige Anfänger wären, daß ja gar keine Wirkung zu spüren sei, nur die Türme und die Kuppeln der Stadt, da waren sie sich einig, leuchteten an diesem Abend besonders schön, und dann sind sie losgegangen, ohne ein Ziel, und im Hofgarten gestand Vesper seinem Begleiter, dem Juden Barton, daß er, Vesper, Adolf Hitler sei, und später, am frühen Morgen, als sie aus der Theatinerkirche heraustraten, war Vesper sich sicher, daß er Jesus sei, und er sprach zu seinem Vater, und er sprach von seinem Sohn, der seine Sonne sei, und morgens standen sie vor einer Wohnung in der Maxvorstadt, sie klingelten, und Uschi Obermaier machte auf, und Vesper schlief ein paar Stunden, im Kinderbett, und am Nachmittag war die Wirkung noch immer nicht vorbei, und abends hat er sich in seinen alten Volvo gesetzt, sein Ziel war Undingen, auf der Schwäbischen Alb, wo er seinen Sohn besuchen wollte, und wenn man das liest, ein Mann unterwegs durch die deutsche Provinz auf der Suche nach einem Ort, der tatsächlich Undingen heißt, wird man vom Lesen und von Deutschland selber ganz verrückt.

          Bernward Vesper, die Romanfigur, ist von der Reise nie wirklich zurückgekommen, was daran lag, daß Bernward Vesper, der Autor, sein Buch nicht zu Ende geschrieben hat. Es ging seinem Kopf und seiner Seele nicht besonders gut in den Jahren 1970 und 1971, er war erst in Haar bei München, in der geschlossenen Psychiatrie, bis ihn Freunde nach Hamburg-Eppendorf brachten, wo man den Kranken besser behandelte, aber umgebracht hat er sich dann doch in Hamburg, und das unfertige Manuskript lag bei Jörg Schröder herum, dem März-Verleger, der dafür auch schon einen Vorschuß überwiesen hatte, es lag im Keller, bis sich, sechs Jahre später, Jörg Schröder daran erinnerte, es in Satz gab und einen schönen gelben März-Umschlag entwerfen ließ. "Die Reise" verkaufte sich nicht besonders gut, dann kam aber der deutsche Herbst, und Hanns-Martin Schleyer war tot, Andreas Baader war tot und Gudrun Ensslin auch, Bernward Vespers Ex-Verlobte, die Mutter seines Sohnes Felix, die Frau, um welche in der "Reise" so intensiv getrauert wird, weil sie den Helden, den traurigen Vesper, für Andreas Baader verlassen hat. Vespers Buch, das empfahl damals jeder Rezensent, war als Dokument zu lesen, als Protokoll des Scheiterns und Porträt einer verlorenen Generation.

          Es gab Kritiker, die den toten Autor allen Ernstes lobten für seine Unversöhntheit mit den herrschenden Verhältnissen und für die vielen Drogen, für das LSD und das Haschisch, das immer wieder in kiloschweren Platten durch den Roman und die sommerheißen Münchner Straßen getragen wird, gab es aber strenge Rügen, weil die Droge, wie jeder kritische Kritiker weiß, ja keine Waffe des Widerstands ist, sondern bloß ein Mittel zur Flucht aus der Welt. Den allerdümmsten Artikel über "Die Reise" hat vermutlich Heinrich Böll geschrieben, in der Zeitschrift "Konkret", wo er "Die Reise" wie ein medizinisches Bulletin las, und die Krankheit, das waren naturgemäß die sogenannten deutschen Zustände, und als Therapie verschrieb er eine große Dosis Moral, und weil damit allein keine drei Seiten zu füllen sind, brachte Böll unterwegs wirklich alles durcheinander, die Morde der RAF, das Erschrecken beim Lesen von Vespers Text und die Erziehungsmethoden von Bernward Vespers Vater, der seinen Sohn offenbar tatsächlich zwang, den Teller leer zu essen: das alles war, irgendwie, Terror für Heinrich Böll.

          Den zweitdümmsten Text hat, im "Spiegel", Christian Schultz-Gerstein geschrieben, im Jahr 1979, als Jörg Schröder eine erweiterte Fassung der "Reise" herausbrachte, mit Material über Bernward Vespers Kindheit und Jugend, Material, welches anscheinend belegte, daß Vesper nicht die ganze Wahrheit über sich und seinen Vater ausgebreitet habe, was Schultz-Gerstein, so als hätte "Die Reise" den Untertitel "meine Beichte" oder "ein Rechenschaftsbericht", dem toten Dichter nicht verzieh.

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