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Historischer Roman aus Polen : Tarantino der polnischen Geschichtsschreibung

  • -Aktualisiert am

Im Warschauer Getto: Wehrmachtsangehörige kontrollieren jüdische Einwohner. Bild: dpa

Der Boxer ist zurück: Sczepan Twardochs tiefdüsteres Epos „Das schwarze Königreich“ beschwört im Weltkriegs-Warschau die Hölle auf Erden herauf.

          4 Min.

          Warschau zwischen dem deutschen Überfall, der Kapitulation und dem Kriegsende. Eine schwarze Epoche, in der auch der Vorkriegskönig Jakub Shapiro aus der polnischen Halbwelt ein König ohne Untertan ist. Dunkelste Schwärze herrscht auf Warschaus Straßen. Und so ist auch der, der jahrelang von Schutzgelderpressung, Auftragsmord und Straßenkriminalität lebte, am Ende.

          Shapiro war bereits der Held des ersten Teils einer großen Erzählung von Szczepan Twardoch aus dem Warschau der Zwischenkriegszeit. Er war der titelgebende „Boxer“ aus dem Judenviertel und später Teil der sozialistischen Mafia. Ein attraktiver Siegertyp und auch ein Krisengewinnler, der sich im allgemeinen Chaos der Inflationsjahre klug zu positionieren wusste. Ein Jude von ganz unten also, der es ohne politische Ansichten zu Geld, Ruhm, Ansehen und einer schönen Familie in einer schönen Stadtvilla gebracht hatte – und der doch ein von Komplexen geplagter Gewaltverbrecher geblieben war.

          In der Falle des Gettos

          Die Zeiten seines Ruhmes aber sind im Jahr 1939 vorbei. Jakub Shapiro befand sich ein Jahr zuvor schon mit Frau und Kindern im Flugzeug nach Palästina. Dann hatte er plötzlich, von unklaren Stolzgefühlen überwältigt, den Piloten zur Umkehr gezwungen. Nun sitzen die Shapiros zusammen mit allen anderen polnischen Juden in der Falle. Zunächst im Warschauer Getto, wo Jakub einen Job bei der sogenannten Judenpolizei annimmt und somit zum Handlanger der Nazis wird. Später dann in verschiedenen Verstecken. Zuletzt in einer Kriegsruine an der Seite seiner lebenslangen Geliebten, der jüdischen Prostituierten Ryfka. Aus ihrer Perspektive ist ein Teil des Buchs geschrieben. Der andere folgt den Erinnerungen von Jakubs Sohn David.

          Die Geschichte ist zynisch. Sie lässt den König von Warschau aus einer Hölle, deren Heizer er gewesen war, in eine Hölle ohne offene Führungsposition wechseln. Durch die allwissenden Augen der zum Überleben verdammten Ryfka und David wird vor dem Leser noch einmal die Geschichte des Warschauer Gettos erzählt, bis hin zu dessen Auflösung, von den Nazis als „Großaktion“ mit Endziel Deportation bezeichnet. Und obwohl das alles süffig erzählt ist, stellen sich nicht die üblichen Skrupel gegenüber einem allzu lustvollen Umgang mit der deutschen Gewaltgeschichte ein. Denn Twardoch ist kein skrupellos lüsterner Schreiber. Sein Geschichtsbild ist, anders als seine Erzählsprache, nicht kinematographisch, sondern kaleidoskopisch. Wie in einem Prisma bricht sich das Licht des Jahrhunderts am einzelnen Fall und entfaltet eine Fliehkraft, die den Leser mitzieht in jeden erdenklichen Abgrund.

          Die Erde nimmt sich, was ihr zusteht

          Dieses Verfahren gelang Twardoch besonders gut in seinem Roman „Drach“ – einem Buch über die wechselvolle Geschichte der Schlesier, deren Nachfahre auch Twardoch ist. Einerseits gab es da die Perspektive des einzelnen Menschen in seinen Umständen, andererseits den kosmischen Blick einer allwissenden Erzählerin. Mit Gleichmut blickte sie auf die Brutalitäten des Jahrhunderts. Es war die Erde selbst, die in „Drach“ erzählte und die sich erzählend das zurücknahm, was aus ihr gekommen war: menschliche Biomasse.

          Twardoch-Skeptiker rügten ein gewisses Pathos, mit dem der zeitlos-kosmische Fatalismus der gleichgültigen Erde zelebriert wurde. Wie auch immer man dazu stehen mag: Das, was alle Bücher Twardochs so brillant inszenieren, ist der ewige Widerspruch zwischen dem ideologischen Überbau und dem verstrickten Einzelschicksal. Auch „Das schwarze Königreich“ hat nicht den polnischen Antisemitismus zum Thema, sondern den Kampf zwischen dem, was sein soll, und dem, was der Einzelne daraus macht.

          Der Mann, der die Frauen liebte

          Twardoch ist mit dieser erzählerischen Gleitsichtbrille eine Art Tarantino der polnischen Geschichtsschreibung. In seinen Pageturnern gelingt es ihm, die gewaltsamen Umbrüche des zwanzigsten Jahrhunderts literarisch zu vergegenwärtigen. Dafür dürfen die Zutaten Blut, Sperma und Schweiß natürlich nicht fehlen.

          Jakub, das wissen Leser von „Der Boxer“, war ein Mann der Frauen. Er hatte davon viele. Darunter eine kluge, schöne Frau aus der besseren Gesellschaft, mit der er die Zwillingssöhne Daniel und David hat. Von Letzterem erfahren wir von den Vorkriegsjahren im Leben der Shapiros, von Jakubs Kampf in der polnischen Armee gegen die deutschen Besatzer, von seiner Enteignung als Villenbesitzer, von seinem Umzug ins Getto, von seinem Einsatz bei der jüdischen Polizei, davon, dass dieser Entschluss das Ende seiner Ehe besiegelt. Und von seiner Flucht aus dem Getto zusammen mit Ryfka. Die beiden finden Zuflucht bei einer polnischen Geliebten Jakubs, die Juden versteckt, allerdings auch mit den Deutschen paktiert. In ihrer Wohnung hausen die Flüchtlinge wie Käfigtiere. Die Ménage-à-trois wird schnell zu einer Übung in Unterwerfung. Auch hier wird irgendwann mit der Waffe entschieden. Denn verstrickt sind alle auf unauflösliche Weise. Der Tod macht sie einander wieder gleich.

          Schwarze Seelenverwandtschaft

          Ryfka und Jakub, auch davon handelt die Geschichte, sind für einander bestimmt. Sie können ihre Herkunft vom unteren Rand der Gesellschaft nicht abstreifen. Das Stigma ihres Judentums, das einen echten Aufstieg in die polnische Gesellschaft verhindert, wird sie zusammenschweißen. Auch Jakub muss das einsehen. Nachdem seine Frau ihn vor die Tür gesetzt hat, nachdem er mit ihr auch seine Zwillingssöhne verloren hat, bleibt Jakub nur die Schwarzeseelenverwandte seiner Jugend.

          Ryfka, so beginnt der Roman, füttert den halbtoten Jakub mit Essensrationen, die sie auf ihren nächtlichen Streifzügen durch das besetzte Warschau wie ein Wildtier erbeutet hat. Dabei begegnet sie einem Deserteur aus Schlesien. Auch hier menschelt es. Und auch seine unheilvolle Geschichte will erzählt sein: wie er in ein deutsches Exekutionskommando abkommandiert wird und in der Bukowina auf jüdische Frauen und deren Kinder schießen soll, was er nicht will und nicht erträgt, aber doch tut. Dort trifft er auf den Ukrainer Miron, der abgestellt ist, den jüdischen Leichen die Goldzähne herauszureißen. Er hat sich freiwillig gemeldet, weil in seiner Welt alles besser ist als die Kommunisten. Twardoch erzählt in „Das schwarze Königreich“ auch diese Geschichte: wie Mirons Familie Opfer des Holodomor wird – der großen Hungersnot, die von Stalin strategisch zur Unterwerfung des ukrainischen Unabhängigkeitswillens genutzt wurde. Die Kollektivierer, worunter sich in Mirons Erinnerung auch etliche Juden befanden, haben die gesamte großbäuerliche Familie ausgelöscht. Mit aufgedunsenen Bäuchen sterben Mirons Frau und seine Töchter. Nun ist er bereit, taub an der Seele, seine grausame Pflicht zu erfüllen. Auch hier kennt der Roman keine Gnade. Der Krieg fordert seine Opfer mit kalter Gleichgültigkeit.

          Szczepan Twardoch ist ein Autor der sogenannten dritten Generation, der man eine Ästhetisierung des nationalsozialistischen Horrors wieder zugesteht. Die Debatte um Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ hat vor knapp fünfzehn Jahren gezeigt, dass man sich einer literarischen Auseinandersetzung mit dem Judenmord nicht aus der Erinnerung, sondern aus der Überlieferung heraus stellen muss. Twardoch gelingt es als Vertreter dieser Generation, das große Geschichtsactionrad so geschickt zu drehen, dass die Opfer dabei nicht zum Spielmaterial einer zügellosen Phantasie werden.

          Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Artikels war von einem „polnischen“ Exekutionskommando die Rede. Es muss, wie jetzt geschrieben, „deutsches Exekutionskommando“ heißen. Wir bedauern und entschuldigen uns für den Fehler.

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