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Schriftstellerin Hilary Mantel in London Bild: Picture-Alliance

Hilary Mantels Tudor-Trilogie : Ein Roman macht Geschichte

Hilary Mantel schließt mit „Spiegel und Licht“ ihre Trilogie über die Tudor-Zeit ab. Ihr Thomas Cromwell ist eine der großartigsten Schöpfungen der jüngeren Literatur.

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          Ihren Roman „Falken“ hatte Hilary Mantel 2012 mit dieser Nachbemerkung beendet: „In diesem Buch geht es natürlich nicht um Anne Boleyn oder Henry VIII., sondern um die Laufbahn Thomas Cromwells, über den es immer noch keine umfassende, verlässliche Biografie gibt. Bis dahin bleibt der Master Sekretär geschmeidig, wohlgerundet und kaum zugänglich, wie eine erlesene Pflaume in einem Christmas Pie – aber ich hoffe, mit meinen Bemühungen fortfahren und ihn ans Licht holen zu können.“

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          In den acht Jahren seither ist zwar nun doch eine Cromwell-Biographie erschienen, aber man mochte den Historiker Diarmaid MacColluch um diese Aufgabe nicht beneiden, nachdem sich die ganze Welt bereits ihr Bild von diesem englischen Renaissance-Politiker machte – dank „Falken“ und seinem Vorgängerroman „Wölfe“ (2009). Es gibt in der jüngeren Literatur keinen vergleichbaren Fall fiktionaler Rekonstruktion einer historischen Gestalt, die einen solchen Erfolg erlebt hätte. Oder über solche literarischen Qualitäten verfügt.

          Hans Holbein der Jüngere, der im neuen Roman von Hilary Mantel oft auftritt, aber nur einmal mit seinem vollen Namen genannt wird, malte Porträts von den Großen der Tudorzeit: hier vom späteren König Edward VI.
          Hans Holbein der Jüngere, der im neuen Roman von Hilary Mantel oft auftritt, aber nur einmal mit seinem vollen Namen genannt wird, malte Porträts von den Großen der Tudorzeit: hier vom späteren König Edward VI. : Bild: Archiv

          Jetzt wird dieser Zyklus, Mantels gefeierte „Tudor-Trilogie“, mit einem Abschlussband vollendet, von dem weder sicher war, ob er überhaupt erscheinen würde (angesichts des prekären Gesundheitszustands seiner Autorin), noch, ob er den gefeierten Vorgängern würde standhalten können. Sowohl „Wölfe“ (im Original „Wolf Hall“) als auch „Falken“ („Bring Up the Bodies“) gewann die wichtigste englische Literaturauszeichnung, den Booker Prize, und die lange Pause zwischen zweitem und drittem Band ließ Schwierigkeiten vermuten. Doch dann kam im vergangenen Jahr in Großbritannien die Ankündigung, dass „The Mirror and the Light“ fertig sei. Bis zum Erscheinen des Buchs vor zwei Wochen lief die Vermarktungsmaschinerie warm, und seitdem steht das englischsprachige literarische Leben ganz in seinem Zeichen (F.A.Z. vom 9. März).

          Bei uns dürfte es in den nächsten Wochen kaum anders sein, zumal nun unfreiwillig die nötige Lesezeit für die fast 1100 Seiten bereitsteht – beinahe so viel wie die ersten beiden Bände zusammen. Von heute an ist der dritte Teil erhältlich, und gestern war er bei Amazon als gebundenes Buch schon nicht mehr lieferbar. Hatte sich DuMont als deutscher Verlag mit den Vorgängerbänden noch jeweils ein Jahr Zeit für die Übersetzung gelassen, ist der neue diesmal also mit nur zwei Wochen Abstand gefolgt. „Spiegel und Licht“ ist er überschrieben, und wie beim zweiten Band hat Werner Löcher-Lawrence hervorragende Arbeit geleistet (der erste war noch von Christiane Trabant übersetzt worden), und das will angesichts der knappen Zeitspanne und des Buchumfangs einiges heißen. Die Bildhaftigkeit der mantelschen Prosa ist wieder meisterhaft übertragen worden.

          Worin besteht deren Reiz? Erst einmal in der Gegenwärtigkeit, die sie heraufbeschwört. Mantel erzählt im Präsens und radikal aus der Perspektive Thomas Cromwells. Keine Szene im Buch, die ohne ihn auskäme – ein ganz anderes Erzählprinzip als im ersten großen historischen Roman dieser Schriftstellerin, dem multiperspektivischen „Brüder“ von 1992. Und doch ist die Tudor-Trilogie keine Ich-, sondern eine Er-Erzählung, aber eine, in der dieses „Er“ mindestens so persönlich auftritt, wie es ein „Ich“ täte.

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