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Hilary Mantel: Falken : Herzensergießungen eines empfindsamen Raubtiers

Bild: Dumont

Hilary Mantel ist die Großmeisterin des historischen Romans. Mit ihrem neuen Buch „Falken“ setzt sie die Trilogie um den englischen Lordsiegelbewahrer Thomas Cromwell fort, der König Heinrich VIII. zu Diensten war.

          6 Min.

          Und so endet die Szene, auf die in diesem Buch alles hinausläuft: „Der Henker ruft scharf ,Gebt mir mein Schwert!‘, und der Kopf mit den verbundenen Augen fährt herum...Ein Ächzen ist zu hören, ein einziges Ächzen aller Anwesenden. Dann ist es still, und in diese Stille hinein erklingt ein Geräusch wie ein scharfes Seufzen oder wie das Pfeifen durch ein Schlüsselloch: Der Körper spuckt Blut, bald schwimmt die kleine, flache Gestalt in einer Pfütze davon.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt viele Gründe, die historischen Romane von Hilary Mantel zu lieben. Einer dieser Gründe ist ihre Genauigkeit. Wer die Fernsehserie „Die Tudors“ gesehen hat, mit der Mantels Bücher Handlung und Schauplatz gemeinsam haben, erinnert sich an die pathetische Umständlichkeit, mit der die gleiche Szene, die Enthauptung der englischen Königin Anne Boleyn im Jahr 1536, darin geschildert wird: die wartende Menge, der Griff des Henkers nach dem Schwert, der zurückzuckende Kopf (ohne Binde), dazu ein Klagegesang vom Band, der wie Zuckerguss über die Bilder fließt. Ein sinnliches Detail aber fehlt in der Serie, und gerade an ihm bewährt sich Mantels erzählerische Phantasie: das Geräusch der Klinge.

          Marksteine eines Genres

          Ein scharfes Seufzen, ein Pfeifen durch ein Schlüsselloch, das ist der Weg des Metalls durch die Luft. Der Aufprall der Waffe auf den Nacken, den sie glatt durchtrennt, bleibt hingegen ausgespart. Aber auch diese scheinbare Lücke ist ein Meisterstück der Präzision. Denn der Mann, mit dessen Blick die Geschichte erzählt wird, kann den Schlag nicht hören, weil er sich mitten in der Menge befindet, die vor dem Schafott auf die Knie gesunken ist. Es ist Thomas Cromwell, Master of the Rolls und königlicher Sekretär, der Mann, der diese Hinrichtung geplant, die Zeugen besorgt, die Beweise gesammelt und das Gericht zusammengestellt hat. Und doch bleibt er ein gewöhnlicher Zuschauer wie alle anderen auch.

          Mit Hilary Mantel, kann man sagen, erreicht die Gattung des historischen Romans ihren dritten geschichtlichen Höhepunkt. Der erste lag im frühen neunzehnten Jahrhundert, als Walter Scott und Victor Hugo die neue Romanform erfanden, indem sie volkstümliche Überlieferung, romantische Phantasie und philologische Recherche miteinander verschmolzen. Der zweite folgte in den dreißiger und vierziger Jahren, als Schriftsteller wie Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Franz Werfel ihr Plädoyer für Toleranz, Menschlichkeit und Kunstfreiheit in die Erlebniswelt historischer Gestalten kleideten: der König Henri Quatre, der Maler Goya, der Historiker Flavius Josephus, die Verteidiger des Musa Dagh.

          Er tötet mit Tinte

          Der Kunstgriff Hilary Mantels besteht darin, dass sie das eine mit dem anderen verbindet. Sie nimmt die subjektive Sicht einer einzelnen Figur und betrachtet mit ihren Augen das Panorama des Spätmittelalters, wie es Hugo und Scott geschildert haben. Dabei hat sie weder humanistische noch andere äußere Zwecke im Sinn. Sie möchte ganz einfach, dass wir in die Empfindungen, Stimmungen und Wahrnehmungen ihres Helden hineinschlüpfen wie in eine zweite Haut. Ganz einfach? Es ist das Schwierigste überhaupt.

          „Seine Kinder fallen vom Himmel. Er sieht sie vom Pferd aus, hinter ihm dehnen sich die Weiten Englands.“ So beginnt „Falken“, der zweite Teil der Romantrilogie, die Hilary Mantel dem Sekretär und Lordsiegelbewahrer Heinrichs VIII. gewidmet hat, jenem Thomas Cromwell, dessen Name vor dem Erscheinen von Mantels Büchern nur Anglisten und Historikern vertraut war. Der erste Teil, „Wölfe“, begann mit einer Tracht Prügel, die dem jungen Tom von seinem Vater verabreicht wurde, so dass er über den Ärmelkanal aufs europäische Festland floh.

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