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Hilary Leichters „Hauptsache“ : Morden ist auch nur ein Job

Die gefürchtete Piratenkönigin Anne of the Indies Bild: Picture-Alliance

Grotesk wie die moderne Lohnsklaverei: Hilary Leichters Roman „Die Hauptsache“ über eine Zeitarbeiterin, die eine Anleitung zur Rebellion gut gebrauchen könnte.

          4 Min.

          Sie arbeiten überall, als Hochhausfensterputzer, Ersatz für Schaufensterpuppen im Kaufhaus und Assistentinnen bei Gewaltverbrechen. Wo genau, ist letztlich gar nicht wichtig. Wichtig ist, beschäftigt zu sein. Wer keine Beschäftigung hat in dieser Welt, in der alles Arbeit ist und Arbeit alles, existiert nicht. Sinnen und Streben der Menschen ist auf ein Ziel allein gerichtet: die Entfristung.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die namenlose Zeitarbeiterin, die uns in „Die Hauptsache“ begegnet, ist jung und hat doch schon vieles hinter sich. Ihre Mutter brachte sie zu ihrem ersten Job und ließ sie allein, wie es in dieser Gesellschaft für heranwachsende Aushilfen üblich ist. Ihre erste Aufgabe war, zu vorgegebenen Zeitpunkten die Türen eines Hauses zu öffnen oder zu schließen. Warum, erfuhr sie nie. Später versuchte sie sich als menschliche Ampel, Schuhschrank-Ordnerin oder Knüppel-zwischen-die-Beine-Werferin, ohne zu wissen, was es bedeutet, anständig bezahlt zu werden – und ohne je ins Zweifeln zu kommen. So stieg sie auf zur persönlichen Assistentin des Vorstandsvorsitzenden einer großen Firma. Kurze To-do-Listen, kurze Zeiträume, kurze Röcke.

          Komfortzone verlassen

          Es ist eine Welt voller Regeln und Leitsprüche und Plattitüden. Auf einen von ihnen, „Nichts ist persönlicher als dein Job“, gründet die namenlose Aushilfe ihren Lebenssinn. Sie folgt den Broschüren und Flugblättern voller Optimierungsempfehlungen, sie ist wirklich bemüht. Trotzdem wird sie nicht entfristet. Alle paar Wochen holt sie sich bei ihrer Jobvermittlerin die Auskunft über ihre nächste Stelle ab und erfährt: Wer sich eine Entfristung verdienen will, muss seine Komfortzone ab und zu verlassen.

          Aber das Schlimme, viel schlimmer als der Selbstbetrug, der zum Alltag gehört, ist das ewige Ungeschehenmachen der Aufgaben, das Gefühl, nichts zu erreichen und nichts zu verändern. Es stellt die Existenz in Frage.

          Die neue Stelle also: Arbeit auf See. Auch auf dem Piratenschiff gibt es Vertraulichkeitserklärungen und einen ersten Offizier des Personalmanagements, einen Teambuilding-Filmabend bei Neumond, eine feste Ordnung. Sie vertritt eine Frau namens Darla. Alle erwarten, dass sie Darla ersetzt. Sie sagen, Darla hätte Kaffee gekocht und nie nach Gehalt gefragt. Also schrubbt sie ergeben das Deck und heftet Logbucheintragungen ab. Später soll sie einer Gefangenen den Arm abschlagen. Und gerade, als sie alle Piratenherzen gewonnen hat und alle Aufgaben verinnerlicht, als sie sich in ihre Vorgängerin verwandelt hat, tritt die echte Darla über die Reling und holt sich ihren Job zurück. „Nimm’s nicht persönlich“, sagen die Seeleute, die sie mit einem Rettungsring ins Wasser schmeißen. „Ist nur ein Job.“

          Skurrile Sinnsuche im Arbeitsleben

          Als Hilary Leichters Roman „Temporary“ vor einem Jahr auf Englisch erschien, mutmaßte die „New York Times“, das Zeitalter der Liebesromane wäre nun endgültig vorbei, die Vorstellung von Romantik als Mittel der Selbstfindung widerspräche zu sehr dem Verständnis, das müsse man schon allein, also ohne Anbetung, schaffen. All die übertriebenen Erwartungen, all die Desillusionierung und der peinliche Selbstbetrug würden jetzt also in Romane über Lohnarbeit eingehen.

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