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: Hey, ich dreh' dir was Schönes an

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Huch, was ist denn da passiert? Haben wir etwas verpaßt? Da macht man sich lang und breit Gedanken über die Zukunft der Suhrkamp culture nach dem Tode Siegfried Unselds, da monieren die einen die Schwerfälligkeit der Werkausgaben-Tanker, während andere wiederum vor der Gefahr zunehmender Stromlinienförmigkeit ...

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          Huch, was ist denn da passiert? Haben wir etwas verpaßt? Da macht man sich lang und breit Gedanken über die Zukunft der Suhrkamp culture nach dem Tode Siegfried Unselds, da monieren die einen die Schwerfälligkeit der Werkausgaben-Tanker, während andere wiederum vor der Gefahr zunehmender Stromlinienförmigkeit warnen, da begutachtet man kritisch-theoretisch alle Veränderungen im Hart- und Weichcoverbereich - und plötzlich erscheint die erste Buchveröffentlichung von Adam Green, einem der gerade angesagtesten Popmusiker, als "es 2405" in der sonst eher unauffällig vor sich hin edierenden "Edition", zwischen Frankfurter Poetikvorlesungen, politischen Essays lateinamerikanischer Nobelpreiskandidaten und trotzigen Lebenszeichen früherer Klagenfurt-Teilnehmer. Ein Fanzine als Suhrkamp-Band - dieses Manöver kann man mit Fug "Überholen ohne einzuholen" nennen.

          Es handelt sich dabei überwiegend um winzige Fragmente, hin und wieder (aber oft nicht einmal das) zu Aphorismen verdichtet, um Verssteinbrüche, die Textideen im kleinstmöglichen Format abwerfen. Das klingt mitunter nach einem atmosphärisch interessanten Song, manchmal aber auch nur nach Randnotizen einer Rimbaud-Lektüre nach reichlichem Pilzkonsum: "Mal dir den vampiristischen Ochsenfrosch aus, der den prähistorischen Tumor der 9th Street auslutscht." Neben solchen Merkwürdig- oder Belanglosigkeiten blitzt immer wieder eine Zeile aus dem Abraum: "Wie weit kann ich meine Liebe beugen (und wissen, sie wird mich zurückküssen?)" oder: "Menschen werden immer als mit den Tieren benachbart beschrieben werden."

          Wie das neue Album hätte man diese Sammlung "Gemstones" nennen können - Edelsteine allerdings, die noch in der Mine versteckt sind, so daß der Leser erst mächtig schürfen muß. Billige Gemeinheiten - "James Brown reist nach Indien (Geburtenrate steigt um 0,09 % pro Familie)" - stehen neben Sätzen, die einen ganzen Abgrund eröffnen: "Besitze ich, was man braucht, um ungeschützt zu sein?" Die von Thomas Meinecke mit seiner reichen Kenntnis amerikanischer Popkultur sicher übertragenen Texte fügen sich allenfalls im letzten, "8 Seiten für Allah" betitelten Teil zu einem zusammenhängenden Prosagedicht, einer virtuellen Höllenfahrt durch ein neurotisches Amerika in den Fängen von Terrorangst und Bewußtseinsindustrie.

          Wie unter einem Stroboskoplicht wechseln dagegen vor allem im zweiten, "Der Zivilist" überschriebenen Teil Geistes- und Gefühlszustände ab; an die Stelle von Kontinuität und Folgerichtigkeit tritt ein fragmentiertes Bewußtsein, das Newshappen, Sprachfetzen und Großstadtimpressionen rein aleatorisch verbindet: der Kopf nicht als Bibliothek, sondern als World Wide Web, das mit "adult content" vollgemüllt ist. Das Obszöne und Pervers-Gewalttätige nimmt wie in den Songs breiten Raum ein. Gerade diese irgendwie unschuldig wirkende Versautheit läßt diese Texte kulturdiagnostisch symptomatisch wirken: "Ich wäre gern ein Hippie, aber ich habe vergessen, wie man liebt", hieß es in einem Song der "Moldy Peaches". Was der neuen Boheme bleibt, ist so ein Aufguß der Gegenkultur, der alle Ideale flötengegangen sind. Programmatisch ist der Satz: "Wert ist schön" - nämlich allein noch Gegenstand des ästhetischen Genusses oder Konsums.

          Auch wer die Songs des dreiundzwanzigjährigen New Yorkers, seine schrägen und schrammelnden Antifolkhymnen der "Moldy Peaches" oder die perfide süffigen Melodien der Soloplatten, genauso liebt wie das zuständige Lektorat, muß sich auf harte Lektüre einstellen. Denn manche kryptische Textzeile, über die man beim schummrigen Konzert getrost hinweghören würde, steht plötzlich einsam im kalten Lichtkegel der Schreibtischlampe: "Oh Baby, ich möchte dir etwas Schönes andrehen." Erstaunlich ist, daß doch einiges näherer Betrachtung standhält. Dieses Buch ist so für Fans ein Muß und für andere immerhin ein Kann.

          RICHARD KÄMMERLINGS

          Adam Green: "Magazine". Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Thomas Meinecke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 96 S., br., 7,- [Euro].

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