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Herta Müller: Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel : Minze Minze flaumiran Schpektrum ist ein rettendes Kraut

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Vom liebenden Umgang mit Worten als Form der Selbstbehauptung: Die Nobelpreisträgerin Herta Müller gibt in ihren Essays Auskunft über die Bedeutung des Schreibens, erzählt von ihrer Kindheit im Banat und den Verfolgungen durch die Securitate.

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          Herta Müller hat sich vom Nobelpreis nicht zur Überschätzung der gesellschaftsverändernden Kraft der Literatur verleiten lassen. „Literatur spricht mit jedem Menschen einzeln - sie ist Privateigentum, das im Kopf bleibt.“ Im Kopf des Individuums aber kann sie lebensnotwendig werden, unter der Bedrohung in der Diktatur überlebensnotwendig. Wie sich in der Sprache eine Wahrheit des Erlebens erfinden lässt, und sei es auch im Nachhinein, davon handeln Herta Müllers Essays und Reden auf fesselnde Weise.

          Schreiben kann in der Einsamkeit angesichts von Unterdrückung und Feigheit einen inneren Halt geben, Lesen ein Gespräch ermöglichen, das sonst keinen Ort hätte. Herta Müller beschreibt die Gabelung ihres Weges von der Kuhhirtin im Tal bei Nitzkydorf zur weltweit verehrten Schriftstellerin dankbar als Begegnung mit der Literatur. Ohne die Bekanntschaft mit den jungen Dichtern um die „Aktionsgruppe Banat“ in Temeswar hätte sie keine Bücher gelesen und keine geschrieben. Ihrem Schreiben als einem „anderen Diskurs des Alleinseins“ stand fortan die Lektüre als anderes Gespräch zur Seite.

          Dem Ich eine Perspektive zeigen

          Der liebende Umgang mit Wörtern wie mit Gegenständen wurde da Form der Selbstbehauptung, gerade weil man es in der Diktatur auf höchst unangenehme Weise mit beidem zu tun hat. Literaturwissenschaftliche „Feinschmecker“, die bei ihrem Freund Oskar Pastior vor allem „Verweigerung der Kommunikation“ sehen, kann die studierte Germanistin nicht verstehen. Für sie war Pastior ein Realist, dem es um freie Aussprache ging. „Mit keinen anderen Texten hab ich so viel gesprochen und sie mit mir. Keine anderen ließen mir so viel Platz wie diese.“

          So wurde ihr Pastiors „Minze Minze flaumiran Schpektrum“ zum „Gebrauchsgegenstand“, wie ein Kraut, als Rettendes gewachsen gegen die Zumutungen. Minze, die wilde mit den blassrosa Blüten, sie soll dem Ich eine Perspektive zeigen, einen Ausweg bauen. Auf das Zerbrechen seiner Sprache habe Pastior mit „Verkleiden und Nacktmachen der Worte“ reagiert. Hätte er nicht sein Schweigen über den Kontakt mit dem Geheimdienst wenigstens Herta Müller gegenüber brechen müssen? Vielleicht war er „zu skrupulös, um zu sagen, seine Schuld sei erzwungen“.

          Überdimensionale Metaphorik der Macht

          Wie anders ein auf die Transparenz des Erlebens in der Sprache wie im Gegenständlichen zielendes Lesen funktioniert, zeigt sich frappierend an der Lektüre von „Masse und Macht“, jener sonderbar obsessiven Abhandlung Elias Canettis, die auch bei seinen geneigtesten Lesern Kopfschütteln hervorgerufen hat. Canettis Satz „Man will sehen, was nach einem greift“ entsprach der Erwartung zu erfahren, „wie es möglich war, das Naturell von Zigtausenden zum Heucheln und Schweigen zu dressieren“. Aber alles, was Canetti zur Masse schrieb, erschien seiner Leserin unter den damaligen Bedingungen „völlig falsch“.

          Erst durch ein unwillkürliches „Falschlesen“ in der Ersetzung von „Masse“ durch „Macht“ wurde ihr plötzlich alles richtig. „Es ist wichtig, als Erstes einmal festzustellen, dass die Macht sich nie gesättigt fühlt. Solange es einen Menschen gibt, der nicht von ihr ergriffen ist, zeigt sie Appetit.“ Derart entziffert Herta Müller Canettis Phänomenologie der Masse als überdimensionale Metaphorik der Macht. Die sich selbst konstituierende Masse im Sinne Canettis aber konnte sie im rumänischen Sozialismus nirgends erblicken, es gab nur die „befohlene Masse“ als Inszenierung der Macht. Erst „als die Sowjets keine Panzer mehr schickten“, änderte sich das.

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