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Herta Müller: Heute wär ich mir lieber nicht begegnet : Das verkehrte Glück

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Bild: Verlag

Herta Müllers Roman „Heute wär ich mir lieber nicht begegnet“ erzählt vom albtraumhaften Leben in einer verkehrten Welt. In Ceaușescus Rumänien ist jeder Versuch, privates Glück zu erlangen, zum Scheitern verurteilt.

          Eine Frau fährt in einer rumänischen Großstadt zum Verhör. Sie hat diese Fahrt schon oft machen müssen und Rituale der Vorbereitung entwickelt, die ihr die Angst einzudämmen helfen. An diesem Donnerstag ist die Angst besonders groß. Vorsorglich hat sie Handtuch, Zahnpasta und Zahnbürste eingepackt: für den Fall, daß Major Albu, der sie einbestellt hat, sie diesmal nicht mehr nach Hause läßt. Sie steigt in die Straßenbahn ein, die Fahrt zum Verhör wird zum Albtraum, Endstation Irrsinn.

          Auf der Fahrt zieht ihr Leben an ihr vorüber: ein dunkler Bewußtseinsstrom, auf den die Erinnerung an die seltenen Augenblicke des Glücks matte Glanzlichter wirft. Ihr Glücksverlangen richtet sich zunächst auf den geliebten Vater, einen Busfahrer, aber der betrügt seine Frau nach Feierabend in seinem Gefährt lieber mit einer ehemaligen Schulkameradin seiner Tochter. Aus der Ehe, in die sie nach dem Tod des Vaters flieht, bricht sie nach drei Jahren wieder aus. Der Mann, an den sich ihre Liebe zufällig geheftet hat, wird ihr rasch gleichgültig; die Großfamilie wird regiert vom Schwiegervater, der sich eine Geliebte hält, die ebenfalls im Alter der Erzählerin ist und sich beruflich der Schädlingsbekämpfung widmet. Dieser schillernde Patriarch, der im übrigen auch seine Schwiegertochter gerne spüren läßt, „was er in der Hose hat“, war in einer früheren Phase seiner gebrochenen Karriere berüchtigt als „Parfümkommunist“; er war in den fünfziger Jahren als für Enteignungen zuständiger Parteiaktivist verantwortlich für die Deportation zahlreicher Menschen in die Lager, darunter auch der Großeltern der Erzählerin. Nach der Trennung von ihrem Mann geht die Frau, die in einer Konfektionsfabrik arbeitet, für kurze Zeit ein liebloses Verhältnis mit einem Arbeitskollegen ein. Als sie sich weigert, weiter mit ihm ins Bett zu gehen, zeigt er sie an, weil sie Zettel mit ihrer Adresse in für Italien bestimmte Anzüge gesteckt hat, in der Hoffnung, ein Italiener werde so auf sie aufmerksam und sie heiraten. Sie wird entlassen; die Verhöre beginnen.

          Dumm werden vor Glück

          Zuvor aber hat sie auf dem Flohmarkt Paul kennengelernt, der nach Feierabend illegal Antennen für die Budapester und Belgrader Fernsehprogramme baut und ein rotes Motorrad besitzt. Auf Fahrten mit Paul kann sie für Augenblicke „dumm werden vor Glück“. Doch ist dies ein kleines, armes, immer gefährdetes Glück: „Mit dem Glück habe ich mich abgefunden, auch wenn Paul sagt, daß es keines ist.“ Als Paul die Erzählerin trotz verdeckter und offener Warnungen heiratet, setzen in der Motorenfabrik, in der er arbeitet, Schikanen gegen ihn ein; er wird schließlich wegen seiner illegalen Antennenproduktion angezeigt und aus seinem Betrieb entlassen: „Paul wird mitbestraft.“ Schon immer hat er viel getrunken; als er aber seinen Beruf und dann in einem offenbar vom Geheimdienst inszenierten Unfall auch noch sein Motorrad - das Glücks- und Freiheitssymbol des Romans - verliert, kommt er aus dem Suff kaum noch heraus.

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