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Herta Müller: Atemschaukel : Wo Sprache die letzte Nahrung ist

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Jeder ist sich selbst der Nächste und kennt sich doch nicht mehr: Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ über die Schrecken eines stalinistischen Arbeitslagers ist ein Manifest der Erinnerung, geprägt von beispielloser Intensität und Präsenz.

          Der Nullpunkt ist das Unsagbare. Wir sind uns einig, der Nullpunkt und ich, dass man über ihn selbst nicht sprechen kann, höchstens drum herum. Das aufgesperrte Maul der Null kann essen, nicht reden.“ Herta Müllers „Atemschaukel“ ist die fiktionale Autobiographie des am 15. Januar 1945 im Alter von siebzehn Jahren von Hermannstadt ins ukrainische Lager Nowo-Gorlowka deportierten Leopold Auberg. Sie setzt knapp hinter dem existentiellen Nullpunkt an, und das mit einem so hochartifiziellen wie wirklichkeitssensiblen Sprachbewusstsein.

          „Es war das große innere Fiasko, dass ich jetzt auf freiem Fuß unabänderlich allein und für mich selbst ein falscher Zeuge bin.“ Der gegen Ende des Romans aus der Perspektive des zweiundzwanzigjährigen Leopold formulierte Satz ist die Erfahrungssumme der Selbstentfremdung, Heimatlosigkeit und irreparablen Beschädigung nach fünf Jahren Lagerhaft. Für sich selbst ein falscher Zeuge sein – diese paradoxe Denkfigur zeigt den alles überdeckenden Hereinbruch der Vergangenheit in die Gegenwart, wie ihn dieser Roman intensiv und plausibel vor Augen führt.

          Historische Hintergründe

          Gegenwart ist hier zu einem bloßen Erinnern geworden, das sich selbst nicht begreift. Dass eine solchermaßen kontaminierte Vergangenheit auch den imaginären Raum der Schlaflosigkeit besetzen kann, darüber reflektiert der Ich-Erzähler Leo Auberg im zweiten der insgesamt 64 kurzen Kapitel: „Seit sechzig Jahren will ich mich in der Nacht an die Gegenstände aus dem Lager erinnern. Ich weiß nur seit sechzig Jahren nicht, ob ich nicht schlafen kann, weil ich mich an die Gegenstände erinnern will, oder ob es umgekehrt ist.“

          Die historischen Hintergründe dieser Schlaflosigkeit werden nur so weit erzählt, als es für Leos Geschichte unabdingbar ist. Das bis dahin mit Hitler verbündete Rumänien schlug sich im August 1944 auf die Seite der Sowjetunion und der Alliierten. Die Deportation blieb über viele Jahrzehnte in Rumänien ein Tabu, erinnerte sie doch an die faschistische Vergangenheit des Landes. Dass die Deportation der insgesamt fast 80 000 Rumäniendeutschen im Alter von 17 bis 45 Jahren in die Sowjetunion Stalins höchstpersönlicher Plan war und nicht auf Anweisung der rumänischen Regierung erfolgte, wie viele aufgrund der Tabuisierung glaubten, wird im Buch nicht direkt thematisiert, wohl aber die Identifizierung der Siebenbürger Sachsen mit der nationalsozialistischen Ideologie. Der historische Zusammenhang scheint dennoch subtil auf, etwa in der Metamorphose eines Bildes von Stalin, das am Schrank des Lagerkapos klebt. Für Leo hat der sowjetische Diktator auf dem Bild „hohe graue Backenknochen wie zwei Abraumhalden, die Nase imposant wie eine Eisenbrücke, sein Schnauzbart wie eine Schwalbe“ – Stalin als Personifikation des Lagers.

          Subversive Kraft der Sprache

          Ein Grammophonkistchen dient als Koffer, in den Leo sein Hab und Gut für das Lager verstaut: „den Faust in Leinen, den Zarathustra, den schmalen Weinheber und die Sammlung Lyrik aus acht Jahrhunderten“. Dass die Bücher im Koffer den Untergrund bilden für die wenigen anderen Utensilien, ist ein frühes Signal des Romans für die subversive Kraft der poetischen Sprache, der ein überragendes Denkmal gesetzt wird.

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