https://www.faz.net/-gr3-13tqi

Herta Müller: Atemschaukel : Wo Sprache die letzte Nahrung ist

  • -Aktualisiert am

In einem Kapitel gibt die Autorin Einblicke in diese von ihr im Nachwort erwähnten Hefte: Nach seiner Rückkehr schreibt Leopold Auberg, dessen Schicksal einige Parallelen zum Leben Pastiors aufweist, zunächst ein drei „Diktandohefte“ langes Vorwort, das er nach seitenlangen Ausführungen über den rettend-quälenden „Hungerengel“, eine Wortschöpfung Pastiors, direkt in „Nachwort“ abändert – für sich selbst ist er eben ein falscher Zeuge. „Atemschaukel“, das sind gewissermaßen die auserzählten Diktandohefte Leo Aubergs, und so gibt es eine reale und einer fiktionalisierte beziehungsweise synthetisierte Autorschaft. Dieses Kapitel ist eine poetische Poetologie des Romans, indem es über dessen Konstruktion und Sprache Auskunft gibt – ganz im Sinne Oskar Pastiors, dessen Texturen oftmals Poesie und Poetik in einem sind, gleichsam ihre eigene Gebrauchsanweisung.

Initiation eines Schriftstellers

Hier erfährt man etwas über das Weglassen von (historischen, biographischen) Details und das Hinzuerfinden von Begebenheiten ebenso wie über die auratische Verselbständigung einzelner Wörter und Sätze: „Schau, wie der heult, dem läuft was über.“ Diesen Satz schreibt Leo auf eine leere Seite, streicht ihn anderntags durch, schreibt ihn wieder hin und so weiter, reißt das vollgeschriebene Blatt aus dem Heft heraus und kommentiert diese Schrift-Aktion mit den Worten: „Das ist Erinnerung.“ Erinnerung ist ein Paradox, sie ist ein reales Konstrukt, Erinnerung an die Erinnerung und nachträgliche Deutung.

Die Metapher des Überlaufens ist charakteristisch für das sprachliche Verfahren des Romans. Er verdinglicht und verwandelt innere wie äußere Prozesse, die bedrohlich bis zur Vernichtung sind, und die selbstwahrnehmenden Reaktionen darauf. Neben dem „Hungerengel“ und der titelgebenden „Atemschaukel“ finden sich im Roman Wortverbindungen wie „Herzschaufel“, „Tageslichtvergiftung“ oder „Hautundknochenzeit“, wobei „Herzschaufel“ ein aus dem Gartenbau oder der Gärtnerei vertrauter Terminus technicus ist, manch einem auch bekannt als „Stalins-Herz-Schaufel“.

Roman als Sinnbild

Diese Metaphern, die recht konkrete Vorstellungen heraufbeschwören, sind für Leo mehr als Wortschätze, die ihm keiner mehr rauben kann, sie haben sich so in seine Einbildungskraft gebrannt, dass sie bereits wieder Realität sind. Durch diese kreativen Konstruktionen ordnet er seine Umwelt und macht sie weniger bedrohlich. Wörter sind sein Ordnungssystem – das einzige, das ihm geblieben ist. Erinnerungen können mittels dieser Wörter versuchsweise gebannt werden.

So kann der ganze Roman als ein sprachwirkliches Sinnbild begriffen werden: die „Atemschaukel“ als energetisches Erinnerungszeichen. Zugleich zeichnet Herta Müller die Initiation eines Schriftstellers nach und stiftet dazu an, die Sprachkunst Oskar Pastiors zu verstehen als das, was sie zunächst ist: existentielle Poesie und nicht Sprachspiel.

Dieses Buch kann und will keine Dokumentation, kein historischer Roman sein und ist schon gar nicht einem naiven Abbildrealismus verpflichtet. Mit seinem dichten Motivnetz schafft der Roman eine Intensität und Präsenz, die ihresgleichen in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur nicht hat.

„Atemschaukel“ ist mit Herzblut geschrieben. Es ist ein Manifest der Erinnerung und der Sprache, deren komplexes Verhältnis es auf ergreifende Weise bezeugt. Ein Meisterwerk.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der britische Premierminister Boris Johnson

Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Austrittsabkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.
„Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

„Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.