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Herta Müller: Atemschaukel : Wo Sprache die letzte Nahrung ist

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„Wir sind das Gestell für den Hunger“ – Den Terror des Hungers fasst Herta Müller in Bilder extrem beanspruchter Physis, die dem Leser zu Leibe rücken. Eine der größten Illusionen im Lager ist der Brottausch: Jeder fühlt sich übervorteilt und versucht, mit dem anderen seine Ration zu tauschen. Nach dem Tausch fühlt er sich dann erst recht betrogen.

Essen aus Wörtern

Wenn real gar nichts mehr vorhanden ist, was als Nahrung dienen könnte, nicht einmal Kartoffelschalen oder Meldekraut, setzt die Sprache ein. Ein Essen aus bloßen Wörtern muss dann genügen: „Kochrezepte erzählen ist eine größere Kunst als Witze erzählen. Die Pointe muss sitzen, obwohl sie nicht lustig ist. Hier im Lager beginnt der Witz schon mit: MAN NEHME. Dass man nichts hat, das ist die Pointe. Aber die spricht niemand aus, Kochrezepte sind die Witze des Hungerengels.“ „Ich esse einen kurzen Schlaf“, sagt Leo einmal. Andere essen Sand oder Kot.

Der Hunger löst halluzinatorische Projektionen aus: „Jeder Gegenstand glich in Länge, Breite, Höhe und Farbe dem Ausmaß meines Hungers.“ Zugleich nötigt der Hunger zu einer nüchternen, aller Illusionen beraubten Bestandsaufnahme: „Die Anteilnahme am Hunger der anderen ist null, mithungern kann man nicht.“ Denn selbst der „eigene Hunger ist für jeden eine fremde Macht“.

Als Leo Auberg Anfang Januar 1950 nach Hermannstadt zurückkehrt, macht er die paradoxe Erfahrung, dass sich die „Heimwehlosigkeit“, die er sich im Lager regelrecht selbst anerzogen hatte, in ein bedrohliches Heimweh verkehrt hat: „Alles sah, dass mein herrenloses Heimweh nicht wegging.“ Die Lagererfahrungen werden zur unkontrollierbaren Dominante jedweder Wahrnehmung, bis in die Träume und ihre Gestalten hinein. Das Ticken der Uhr im Wohnzimmer des Elternhauses wird zur „Atemschaukel“, in seiner Brust zur „Herzschaufel“. In den Kisten, die er ein Jahr lang in einer Fabrik zusammensetzt, erkennt er nur „kleine Särge aus frischem Fichtenholz“.

Homosexualität ist Todesgefahr

Unter dem Decknamen „das Klavier“ sucht Leo wieder das einst geliebte Neptunbad auf, ist unterwegs in ein altes Leben, von dem er weiß, dass er es nicht mehr wird fortsetzen können: Er ist „das Klavier, das nicht mehr spielt“. Die Besuche des Stadtbades und ihre Hintergründe bilden die Rahmenerzählung des Romans. Wirkte die Deportation auf ihn zunächst wie eine Erlösung von seiner stets präsenten Angst, bei den homosexuellen „Rendezvous“ im Bad erwischt und mit Gefängnis bestraft zu werden, so hätte im Lager bereits das Eingeständnis der Homosexualität den Tod bedeutet. Leo wird zum innerlich unerreichbaren „Nichtrührer“.

Ursprünglich wollten Herta Müller und der Dichter Oskar Pastior gemeinsam einen Roman über die Deportationen schreiben. Pastior war ebenso wie Herta Müllers Mutter fünf Jahre lang Zwangsarbeiter in sowjetischen Lagern. Am 4. Oktober 2006 starb Oskar Pastior, Herta Müller schrieb den Roman alleine. „Atemschaukel“ basiert auf Gesprächen mit ehemals Deportierten und vor allem auf mündlichen Erinnerungen des Büchnerpreisträgers, die Herta Müller in mehrere Hefte notierte.

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