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Herta Müller: Atemschaukel : Wo Sprache die letzte Nahrung ist

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Der von den Frauen auf der strapaziösen mehrwöchigen Fahrt ins Lager gesungene „Viehwaggonblues“ soll für Leo „das allerlängste Lied in meinem Leben“ werden, „fünf Jahre lang haben die Frauen es gesungen“: „Im Walde blüht der Seidelbast, / im Graben liegt noch Schnee, / das du mir heut geschrieben hast, / das Brieflein tut mir weh.“ Mit dem „Brieflein“ dieser ersten Strophe eines Gedichts von Hermann Hesse wird es eine besondere Bewandtnis haben: Ein einziges Mal bekommt Leo Post ins Lager, eine „Rot-Kreuz-Postkarte“, an der „mit weißem Zwirn ein Foto angenäht“ ist. Geschrieben von der Mutter, steht unter dem Foto ein einziger Satz: „Robert, geb. am 17. April 1947.“ Ein Ersatzbruder. Für Leo wandelt sich der Satz zu: „Meinetwegen kannst du sterben, wo du bist, zu Hause würde es Platz sparen.“

Sehnsucht wie Heimweh werden von den Lagerinsassen abgedrängt in Kunstvolkslieder wie „Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde“ von Bruno Hardt-Warden oder Seemannslieder wie „La Paloma“ von Hans Albers, gesungen von „der Loni Mich“ bei den ab und an gegönnten Tanzabenden. Keiner der Verfasser wird genannt, die Gedichte und Lieder mit ihrer affektiven Poetik sind zum überlebenswichtigen Allgemeingut geworden.

Der Terror des Hungers

Im Lager findet sich eine „interlope Gesellschaft“, wie es im Buch heißt, eine buntgemischte Zwangsgemeinschaft. Da ist der aufgrund seines Berufes privilegierte Rasierer Oswald Enyeter, der Akkordeonspieler Konrad Fonn, der Trommler Anton Kowatsch; David Lommer, genannt „der Zither-Lommer“; Irma Pfeifer, die in der Mörtelgrube umkommt; Trudi Pelikan, die wie Leo aus Hermannstadt stammt, die schwachsinnige Planton-Kati, die, von allen geachtet, fünf Jahre lang nicht weiß, wo sie ist; Peter Schiel, der am selbstgebrannten Steinkohleschnaps stirbt; Bea(trice) Zakel, die Geliebte des Lagerkapos. Der schweigsame Karli Halmen stiehlt Albert Gion, mit dem Leo im Schlackekeller arbeitet, das „gesparte Brot“ und wird dafür von den Barackenmitbewohnern zusammengeschlagen. Der Advokat Paul Gast isst seiner Frau Heidrun die tägliche Suppenration weg und trägt ihren Mantel „mit dem Bubikragen“, nachdem sie gestorben ist: „Die Heidrun Gast hatte schon das Totenäffchengesicht, das Schlitzmaul von einem Ohr zum anderen, den weißen Hasen in den Dellen der Wangen und gequollene Augen.“ Jeder ist sich letztlich selbst der Nächste und kennt sich selbst nicht mehr.

In der siebenbürgischen Sagenwelt ist ein Prikulitsch ein Mensch, der sich in ein werwolfartiges dämonisches Wesen verwandelt. Nicht umsonst heißt der mitinternierte karpato-ukrainische Lagerkapo, der als einziger Repräsentant der Macht nicht anonymisiert bleibt, Artur (Tur) Prikulitsch. Die Vorgänge und Materialien der Zwangsarbeit wie zum Beispiel Kohle, Zement, Sand, Schlackoblocksteine oder die Kellerschlacke werden mit einer sprichwörtlich ungeheueren Präzision beschrieben, einer Mischung aus dokumentarischer Akribie, auch was die Auswirkungen auf den Körper betrifft, und hungerinduzierter Phantasmagorie. Die in der Analogisierung zum Tango, Fechten und Walzer gipfelnden Anleitungen zum Kohleschaufeln zeigen in ihrem todtraurigen Enthusiasmus die Notwendigkeit einer Ökonomisierung jedweder Bewegung, gilt doch die Energieformel: 1 Schaufelhub verbraucht 1 Gramm Brot.

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