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Hermann Kurzke: Georg Büchner. Geschichte eines Genies : Ein göttlicher Funke hat in ihm gewirkt

  • -Aktualisiert am

Bild: C.H. Beck

Oft genug wurde Georg Büchner für das Falsche in Anspruch genommen. Jetzt liegt uns Hermann Kurzkes große Biographie vor. Darin erzählt uns der Germanist nicht nur die Geschichte eines Genies. Vielmehr revolutioniert er unser bisheriges Bild des Dichters.

          6 Min.

          Georg Büchner (1813 bis 1837) ist der Freiheitsheld unserer Literaturgeschichte. So stellen wir uns den idealen deutschen Revolutionär vor: für immer jung und blond, klug, leidenschaftlich, witzig, freizügig, undogmatisch links und ein wenig melancholisch. So wurde er im Nachkriegsdeutschland, endgültig bei den Achtundsechzigern, auch zum Helden des Staatsexamens und eines Deutschunterrichts, der nicht nur Kenntnisse, sondern auch progressive Einstellungen vermitteln sollte.

          Mit dem Revolutionsdrama „Dantons Tod“, der Künstlererzählung „Lenz“, dem romantischen Lustspiel „Leonce und Lena“ und der Arbeiter-Liebestragödie „Woyzeck“ ist das rein literarische Feld der Büchnerforschung nicht nur eng begrenzt, sondern auch vermint und überbevölkert. Über keinen anderen kanonischen Autor wurde jüngst so viel gestritten. Vor allem um das in den verschiedenen Ausgaben vermittelte Bild des Dichters gab es in der zuständigen literarischen Gesellschaft mächtig Ärger.

          Unbekümmert darum legt nun der Mainzer Emeritus der Germanistik Hermann Kurzke, den Lesern dieser Zeitung seit langem als brillanter Literaturkritiker bekannt, pünktlich zu seinem siebzigsten, der gestern gefeiert wurde, und zu Büchners zweihundertsten Geburtstag die Biographie des Dichters vor. Mit seinen zerstrittenen Kollegen geht er salomonisch und friedfertig um. Im Anhang verteilt er Lob und Dank an alle, im Haupttext nennt er keinen. Kurzke hat das Buch für passionierte Leser geschrieben, dennoch wird es sicherlich auch in Fachkreisen lebhaft diskutiert werden, denn es enthält in einigen Aspekten eine erhebliche, beinahe schon umstürzlerische Revision des bisherigen Büchnerbildes.

          Mehr Sozialromantiker als Sozialrevolutionär

          Eine ganzheitliche und kontinuierliche Darstellung von Büchners kurzem Leben rein aus den Quellen wäre eine armselige Angelegenheit. Sie gliche Kurzke zufolge einem von Säure zerfressenen Gemälde. Die Quellenlage ist „dubios, ruinös und fragmentarisch“. Zahlreiche Dokumente sind verloren oder 1851 bei einem Brand oder auch von Büchners Verlobter Wilhelmine Jaeglé vernichtet worden. Viele verbliebene Briefe sind teilweise doppelt, von der Freundin und dem Bruder Ludwig, entstellt beziehungsweise zensiert worden. Dieser Lage wird Kurzke einerseits durch eine ausführliche Darstellung der historischen Bedingungen gerecht, die Büchner geprägt haben mussten. Neben den sozialen und politischen Verhältnissen in Hessen stellt er auch die Medizin und das Wissenschaftssystem sowie die religionsgeschichtlichen Konstellationen im neunzehnten Jahrhundert dar. Andererseits aber vertraut er auf die Intuition und Imaginationsfähigkeit eines nicht zuletzt durch die lebenslange Beschäftigung mit Thomas Mann erfahrenen Deuters.

          Das eigene Deutungsinteresse wird so von vornherein einbekannt. Büchner sei nicht selten für das Falsche in Anspruch genommen worden. Nachdem ihn die Nazis zum „geistigen Führer“ eines genuin deutschen Sozialismus gemacht hatten, geriet er Kurzke zufolge seit Georg Lukács’ Ausrufung des Materialisten und Frühkommunisten Büchner fest in den Griff einer linken Revolutionssentimentalität und schrumpfte dabei im realen Sozialismus der DDR „auf ein sehr schmales Format“, nicht viel anders im „westdeutschen Verbalradikalismus“. In Wahrheit sei Büchners revolutionärer Elan 1834 unter dem Druck der Verfolgung erstaunlich schnell in sich zusammengefallen: „erst Wut und Trotz, dann Verzweiflung und Depression“.

          Büchners Anteile an der inkriminierten Flugschrift „Der hessische Landbote“ hätten ohnehin mit Kommunismus ziemlich wenig zu tun. Das berühmte „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ sei eine adaptierte rhetorische Formel mit wenig spezifischem politischem Gehalt. Der Student habe eigentlich nichts proklamiert, was über die vorrevolutionäre bürgerliche Opposition gegen den Obrigkeitsstaat des neunzehnten Jahrhunderts wesentlich hinausging. Kurzum: „Büchner hatte keine ausgereifte Revolutionstheorie. Er war mehr Sozialromantiker als Sozialrevolutionär.“

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