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Hermann Hesse 1933 - 1939 : Verteidigung einer bedrohten Innerlichkeit

  • -Aktualisiert am

Hermann Hesse Bild: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

„Man glaubt zu philosophieren und bereitet bloß dreißigjährige Kriege vor“: Korrespondenz nahm einen großen Teil der Arbeitszeit Hermann Hesses ein. Jetzt sind Briefe aus den Jahren 1933 bis 1939 im Suhrkamp Verlag erschienen.

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          Mit gerade sechsundfünfzig Jahren gibt sich der Briefschreiber Hermann Hesse 1933 sehr resigniert: „In den letzten Jahren hat sich meiner (...) eine Haltung bemächtigt, die man je nach Geschmack Altersschwäche oder Altersweisheit nennen kann. Ich bin nicht mehr aktiv und nicht mehr ehrgeizig, lasse alles gehen, arbeite im Garten und lasse die Monate und Jahre rinnen.“ Er fühlt sich zu alt zum Skilaufen, obwohl es für ihn „der einzige Sport und eigentlich das einzige Vergnügen“ gewesen sei. Sein schweres Augenleiden macht es ihm unmöglich, längere Texte zu lesen; er ist geplagt von Ischias und Gicht. Das Schreiben am Spätwerk „Das Glasperlenspiel“ fällt immer schwerer: „Jeder Satz schaut mich so dumm an“, klagt er 1936 in einem Brief. Eine Erschütterung in diesen Jahren ist der Selbstmord seines Bruders Hans; ein kleiner Angestellter, der sich in seiner Verzweiflung mit einem Taschenmesser die Pulsadern aufgeschnitten hat.

          Schweren Überdruss bereitet Hesse aber vor allem die Politik. Europa steht im Zeichen der Diktatoren; in der neuen Welt der Simplifizierung und der Schmissigkeit fühlt er sich nicht mehr heimisch. Der politische Mensch, der die Welt umstülpen will, ist ihm verhasst, allen voran der „verfluchte faustische Mensch“, dessen „heutige Erscheinungsform der Nationalsozialist mit aufgerissener Schnauze und Hakenkreuz“ sei. Das schreibt er in einem Brief wenige Tage nach der Machtergreifung. Bald darauf klopft auch in seinem Tessiner Refugium die Zeitgeschichte an: In Gestalt zahlreicher Emigranten aus Hitler-Deutschland, die bei ihm in Montagnola Station machen. In vielen dieser Briefe aus den Jahren 1933 bis 1939 weist Hesse auf die Belastung hin.

          „Jede Partei, jedes Wirkenwollen auf andre“

          Ein Zeitzeuge ist er aber nur in eingeschränktem Sinn. Denn von den Geschehnissen in Deutschland sei er „eigentlich wenig berührt“, heißt es im Juni 1933. Auch mit den bedrängten deutschen Juden hat er, der mit einer Jüdin aus Czernowitz verheiratet ist, anfangs nicht viel Mitgefühl. Der „traditions- und religionslose, angepasste Geschäfts- oder Kulturjude“ ist ihm eine Gestalt, für die er sich „nicht interessiert“. Auf der anderen Seite gehört Hesse in den folgenden Jahren als Rezensent zu den wenigen, die Bücher deutsch-jüdischer Autoren überhaupt noch besprechen. Als der Reclam-Verlag eine Überarbeitung des von ihm herausgegebenen Bandes „Eine Bibliothek der Weltliteratur“ nahelegt – weniger jüdische Autoren, mehr skandinavische Heldensagen –, ist Hesse zu dieser Konzession nicht bereit. Vom Kölner Rundfunk bekommt er 1935 eine Arier-Erklärung geschickt. Er weigert sich zu unterschreiben, „nicht weil ich etwa nicht Arier wäre, sondern weil diese Zumutung unserem Schweizer Gefühl und Bewusstsein widerspricht“.

          Hesse ist ein überaus gewissenhafter Briefschreiber. Viele Menschen suchen bei ihm Rat und Orientierung (mitunter bekommt er fünfzig Briefe am Tag), und er gibt sich redliche Mühe, ihnen zu antworten, was den größten Teil seiner Arbeitszeit in Anspruch nimmt. Politischen Stellungnahmen verweigert er sich allerdings meist. Die „Giftgasatmosphäre“ der politischen Debatten ist ihm verhasst: „Es ist wie in der Reformation: Man glaubt zu philosophieren und bereitet bloß dreißigjährige Kriege vor.“ In einem Jahrzehnt, in dem so viele Intellektuelle politischen Utopien auf den Leim gingen und glaubten, die Welt müsse unter „notwendigen Opfern“ verändert werden, beharrte Hesse auf seinem Standpunkt des Sichheraushaltens, dessen Wurzeln ins Jahr 1914 reichen, als er sich im nationalistischen Kriegsgeschrei (auch vieler Schriftsteller) zum Pazifismus bekehrte. „Jede Partei, jedes Wirkenwollen auf andre“ ist ihm seitdem verdächtig. Gute Absichten gelten ihm wenig: „Ich glaube zu wissen, dass jeder Wille zur Änderung der Welt zu Krieg und Gewalt führt, und darum kann ich mich keiner Opposition anschließen.“ Er sieht nicht ein, warum er, angewidert vom Nationalsozialismus, nun die Fahne des Marxismus hochhalten soll, wie es viele Emigranten tun, wenig bekümmert von der Tatsache, dass dem Kommunismus in den dreißiger Jahren viel mehr Menschen zum Opfer fallen als dem Faschismus.

          Kein heiterer Geselle

          Dass Hesse sich nicht – wie Thomas Mann Anfang 1936 – eindeutig auf die Seite des Exils schlägt, bringt ihm allerdings von einigen Emigranten scharfe Kritik ein, auf die er unwirsch reagiert. Im Januar 1936 schreibt er, die Emigranten seien „zum Teil ein Saupack“; sie würden ihn „anspucken“ und wollten ihm „den Hals abdrehen“. Vor allem die Attacke des Journalisten Georg Bernhard, von dem er sich wegen seiner unentschiedenen Haltung im „Pariser Tageblatt“ als „heimlicher Schrittmacher des Dr. Goebbels“ denunziert sieht, trifft ihn empfindlich. Die Emigrantenpresse habe die Methoden des Nazi-Journalismus übernommen – so der Tenor in einem ganzen Dutzend erregter Briefe. Gegenüber dem Kritiker Eduard Korrodi bekennt Hesse, dass „auch ich gegen manches ,Jüdische‘ gelegentlich Ariergefühle habe“ – Juden wie Georg Bernhard seien „widerliche Kerle“. Solche missglückten Äußerungen bleiben jedoch marginal; sehr viel schwerer wiegt die moralische und materielle Unterstützung, die Hesse vielen Emigranten und Flüchtlingen zukommen ließ. Der Vorwurf der „vornehmen Zurückgezogenheit“, der jüngst wieder in Zusammenhang mit einer Hesse-Ausstellung erhoben wurde, trifft sein Verhalten nicht: Der Schriftsteller half aus der Ferne, wo er nur konnte, beim Erlangen von Aufenthaltserlaubnissen, Versorgungsleistungen und Bürgschaften; er verfasste Gutachten und versuchte als Fürsprecher, bürokratische Schikanen zu erleichtern.

          Unterdessen wurde seine Stellung als Autor immer prekärer. Immer wieder angefeindet, verlor er im Dritten Reich viele Publikationsmöglichkeiten. „Die ganze deutsche Presse / notiert für Hesse Baisse“, reimte ein Redakteur des „Simplicissimus“ zu seinem 60. Geburtstag im Jahr 1937. Dazu kommt, dass die Menschen von der Politik in Atem gehalten sind; es wird weniger Literatur gelesen. Hesse klagt über den schleppenden Buchabsatz: „Mein Einkommen ist seit 25 Jahren nie so winzig gewesen wie jetzt“, schreibt er im Juli 1937. Und einen Monat später: „Man braucht Bücher nicht einmal zu verbieten oder zu verbrennen, sie erledigen sich heute von selbst.“ Honorare aus Deutschland bleiben aus oder werden durch neue Devisenbestimmungen erheblich geschmälert.

          Wollte man die Briefe dieser sechs Jahre auf einen Nenner bringen, könnte man sagen, sie seien eine Verteidigung der bedrohten Innerlichkeit. Über Hesses aus der Zeit gefallene Definition des Dichterischen hätte ein Bertolt Brecht nur gespottet: „Ein Dichter ist ein (...) im Herzen reiner, empfänglicher und frommer Mensch, ein Mann mit zarten Sinnen und geläutertem Gefühlsleben ... Er ist der Gegenpol zum Geldmenschen, Gewaltmenschen.“ Allerdings kommt es immer darauf an, wer das Geld verachtet. Wenige Seiten später belehrt Hesse seinen zu finanzieller Leichtfertigkeit neigenden Sohn Heiner in eher schwäbischer Manier: „Indessen ist Geld, solange unsere jetzige Gesellschaftsform noch besteht, außer einer blinden und bösen Macht auch noch etwas anderes: Es ist der konzentrierte Ertrag von Arbeit, Entbehrung, Sparen ... Darum ist jeder Vater empfindlich gegen Gebärden der Geldverachtung bei seinen Kindern.“

          Solche kleinen Widersprüche machen den Schriftsteller, der so gern über den Dingen stehen würde, die ihm jedoch fortwährend im Weg stehen, nur menschlicher. Man liest diese siebenhundert Seiten bisweilen irritiert, aber immer wieder gefesselt. Denn Hesses Briefe sind fast immer mit Sorgfalt und bisweilen glänzend formuliert; oft tendieren sie ins Lebensphilosophische. Sie haben etwas von Selbstgesprächen, weshalb sie gut lesbar sind auch ohne Kenntnis der Gegenbriefe und der situativen Kontexte, die, sofern nötig, vom Herausgeber in den Fußnoten und im Anhang skizziert werden. Wer an Hesses Romanen allerdings jeden Anflug von Humor oder Komik vermisst, sieht sich bei der Lektüre dieses Bandes bestätigt: Heitere Stimmung war seine Sache nicht.

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