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Herman Koch: Angerichtet : Henkersmahlzeit für einen Lehrer

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Bild: Verlag

Selbstbetrug als Leibgericht: Herman Kochs brillante Tragikomödie über die Dehnbarkeit der Moral hat die Holländer fasziniert. Jetzt wird auch auf deutsch „Angerichtet“.

          Als Aperitif des Hauses haben wir heute einen Champagner rosé.“ Vollendet ist die Höflichkeit dieses Maître d’Hôtel, alles an ihm eine unablässige Verbeugung. Man weiß ja wirklich nie, ob sich hinter der gespreizten Etikette nicht abgrundtiefe Verachtung für die Gäste verbirgt. Es mag andererseits wohl sein, dass sich dieser Gast, sagen wir es gleich: dass sich Paul Lohmann, der Bruder des berühmten, mit besten Aussichten für den Posten des Ministerpräsidenten kandidierenden Landespolitikers Serge Lohmann, ein wenig in die Überlegung hineinsteigert, etwas, das den Zusatz „des Hauses“ trage, müsse doch eigentlich gratis sein und dürfe nicht, wie die Karte ausweist, zehn Euro kosten: „Das ist doch wirklich irreführend! Das klingt doch eher nach einer Einladung als nach zehn Euro? Zehn Euro! Zehn! Oder mal anders betrachtet: Hätten wir ein Glas schalen Champagner rosé des Hauses bestellt, wenn wir zuvor gewusst hätten, dass wir zehn Euro dafür zahlen müssen?“ Nein, so nicht. Nicht mit ihm! Das Mädchen wird gerufen, doch da erscheint der Bruder samt Gattin in der Tür. Der Maître, der später dann doch „Dreckskerl“ gerufen wird – aber das ist, wie gesagt, erst später –, hat noch einmal Glück gehabt.

          Abstreiten lässt es sich nicht: Wer sich von der roséfarbenen Servilitätsarroganz vollendet höflichen Spitzenpersonals nicht einschüchtern lässt, der hat unsere Sympathie. Und auch das affige Mise-en-scène des allseits hofierten Bruders bricht Paul für uns auf Menschenmaß herunter. Wer sich hier aus Distinktionsinteresse als Weinkenner zu erkennen gebe, so verrät der Erzähler, leerte früher locker eine Familienflasche Cola beim Abendessen, um darauf „voluminöse Rülpser“ zu produzieren. Überhaupt seien die Schulhof-Rülpser der Ursprung seiner Popularität gewesen. Und im Grunde sei er darüber nie hinausgekommen: „In seinem tiefsten Inneren war Serge immer ein Bauer geblieben, ein ungehobelter Arsch.“ Ja, dieser Paul, das ist unser Mann: unbestechlich, hart, charmant neurotisch, wie spätestens klar wird, als ihn der Gedanke verrückt macht, Serge spüre nach einem Platztausch mit Pauls Frau Claire deren „Körperwärme durch den Stoff seiner Hose“.

          Rotzlöffel-Ansprache

          Und auch als liebender Vater, das zeigen die Rückblicke, solidarisiert sich Paul nie mit der Gesellschaft und ihrer Disziplinierungswut: Nein, er ist kompromissloser Anwalt seiner Brut. Selbstverständlich verspricht er dem Fahrradladenbesitzer, dessen Scheibe nun leider einmal zu Bruch gegangen ist, den Schaden zu übernehmen. Aber dessen „Rotzlöffel“-Ansprache, die muss er sich nicht anhören: „Ich kam mit meinem Sohn hierher, um die Scheißscheibe zu ersetzen, und nicht, um mir dein ätzendes Palaver über Fußball spielende Kinder anzuhören. Worum geht es hier eigentlich, du Arschgesicht?“ Gut gegeben, auch wenn das den Geschädigten noch weiter auf die Palme bringt. Dann muss es eben eine Stehfahrradpumpe richten, die sich zufällig in der Nähe befindet und gut in der Hand liegt: „‚Du bleibst besser, wo du bist, sagte ich ganz ruhig. ‚Bis jetzt ist es nur eine Fensterscheibe.“

          Doch wir schweifen ab, so wie Paul immer wieder abschweift im Verlauf dieses Abendessens, dessen Gänge den Roman strukturieren, das aber nicht grundlos arrangiert wurde. Allen vier Beteiligten ist von Beginn an klar, worum es geht, nur der Leser hinkt noch etwas hinterher. So weit sind wir nun aber gar nicht abgeschweift: „Wir müssen uns über unsere Kinder unterhalten.“ Eine Fensterscheibe nämlich ist das eine, Obdachlose sind etwas anderes. Es liegt ein grausiges Geschehen diesem Festessen zugrunde, ein Geheimnis, das uns häppchenweise serviert wird und das – aus Dummheit – kurz davor steht, gelüftet zu werden. Verantwortlich sind Michel, das einzige Kind Pauls und Claires, sowie Rick, ein Sohn von Serge und Babette. Auf ganz andere Weise beteiligt ist Beau, der aus Burkina Faso stammende Adoptivsohn des Politikers, dessen „Scheinheiligkeit“, dessen „Schlawinertum, diese perfide Art“, der Erzähler mit Nachdruck herausstellt: Er wolle ja auch kein positiver Rassist sein, der das Bürschchen „nur wegen seiner Hautfarbe und seiner Herkunft nett fände“. Die Zukunft aller Beteiligten steht auf dem Spiel, für manche wird das Essen zur Henkersmahlzeit.

          Böse Franzosen

          Es ist so geschickt inszeniert wie schmerzlich einzugestehen: Dieser grundehrliche Erzähler ist einem bald nicht mehr geheuer. Schon wie er sich ausmalt, dass Franzosen im Urlaubsparadies seines Bruders alle Niederländer malträtieren, Mord und Vergewaltigung eingeschlossen, wirkt mehr als zynisch. Doch spätestens seine Ansicht, der Zweite Weltkrieg habe doch sehr reinigend gewirkt, eben weil er eine so stattliche Opferzahl produziert habe („Allein statistisch ist es ausgeschlossen, dass alle diese Opfer nur gute Menschen waren“), weist ihn als pathologischen Misanthrophen aus: „Überall gibt es Menschen, dachte ich. Es gibt so viele, dass sie ihre Häuser bis an die Gleise bauen.“

          Pauls Kriegslob kostete ihn vor Jahren die Stelle als Lehrer und scheint trotz medikamentöser Behandlung nur halb unter Kontrolle zu sein. Ein unzuverlässiger, schuldbeladener Erzähler ist als Mensch eine Enttäuschung, narrativ aber die reinste Freude. Mehr und mehr lesen wir diesen tragikomischen Roman gegen seinen Protagonisten, der sich als viel verwahrloster, kranker und aggressiver erweist, als wir ahnten. Nun fließt auch in den Erinnerungen zunehmend Blut. Dem wortreichen Dehnen der Moral liegt Verzweiflung zugrunde, ein unerklärlicher Lebensüberdruss: „Ähnlich kam mir manchmal das Leben vor, wie eine frisch angerichtete warme Mahlzeit, die langsam kalt wird. Ich wusste, dass ich essen musste, weil ich sonst sterben würde, aber ich verspürte keinen Appetit mehr.“ Wie weit wird dieser Mann gehen als Anwalt seiner Brut? Doch auch die anderen drei Elternteile wie die Söhne haben eine geheime Agenda: Ständig muss der Leser sein Radar neu justieren. Und nicht zuletzt das ist es, was dieses Buch so aufregend macht.

          Erzählerischer Spitzenrealismus

          Aus den Niederlanden, diesem „kleinen Land“, um es mit Bondscoach Bert van Marwijk zu sagen, kommt seit Jahren nicht nur Spitzenfußball, sondern auch ein erzählerischer Spitzenrealismus, was sich sogar wörtlich verstehen lässt: ein Realismus mit Spitzen. Da, wo deutsche Erzählungen gerne in Tiefsinn oder Schwermut abkippen, kippen die niederländischen mit Lust in den hintergründigen, schwarzen Humor. Was Dürrenmatt einst programmatisch formulierte, hier lebt es fort: „Die schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, ist die Wendung in die Komödie.“ Herman Koch, geboren 1953, ist denn auch nicht nur Schriftsteller, sondern zugleich Komiker und Schauspieler.

          „Het Diner“, sein fünfter Roman, kletterte schnurstracks und für viele Monate an die Spitze der niederländischen Bestsellerliste – dorthin also, wo sich sonst nur Vampire befinden. Das niederländische Publikum verlieh dem Buch zudem den Preis „Das beste Buch des Jahres 2009“. Und um nun die Moral ein letztes Mal zu dehnen: Auch wenn Paul Lohmann ein pathologischer Fall sein mag, wie er diesen snobistischen Sterne-Kellner abserviert, das hat Klasse.

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