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Herman Koch: Angerichtet : Henkersmahlzeit für einen Lehrer

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Doch wir schweifen ab, so wie Paul immer wieder abschweift im Verlauf dieses Abendessens, dessen Gänge den Roman strukturieren, das aber nicht grundlos arrangiert wurde. Allen vier Beteiligten ist von Beginn an klar, worum es geht, nur der Leser hinkt noch etwas hinterher. So weit sind wir nun aber gar nicht abgeschweift: „Wir müssen uns über unsere Kinder unterhalten.“ Eine Fensterscheibe nämlich ist das eine, Obdachlose sind etwas anderes. Es liegt ein grausiges Geschehen diesem Festessen zugrunde, ein Geheimnis, das uns häppchenweise serviert wird und das – aus Dummheit – kurz davor steht, gelüftet zu werden. Verantwortlich sind Michel, das einzige Kind Pauls und Claires, sowie Rick, ein Sohn von Serge und Babette. Auf ganz andere Weise beteiligt ist Beau, der aus Burkina Faso stammende Adoptivsohn des Politikers, dessen „Scheinheiligkeit“, dessen „Schlawinertum, diese perfide Art“, der Erzähler mit Nachdruck herausstellt: Er wolle ja auch kein positiver Rassist sein, der das Bürschchen „nur wegen seiner Hautfarbe und seiner Herkunft nett fände“. Die Zukunft aller Beteiligten steht auf dem Spiel, für manche wird das Essen zur Henkersmahlzeit.

Böse Franzosen

Es ist so geschickt inszeniert wie schmerzlich einzugestehen: Dieser grundehrliche Erzähler ist einem bald nicht mehr geheuer. Schon wie er sich ausmalt, dass Franzosen im Urlaubsparadies seines Bruders alle Niederländer malträtieren, Mord und Vergewaltigung eingeschlossen, wirkt mehr als zynisch. Doch spätestens seine Ansicht, der Zweite Weltkrieg habe doch sehr reinigend gewirkt, eben weil er eine so stattliche Opferzahl produziert habe („Allein statistisch ist es ausgeschlossen, dass alle diese Opfer nur gute Menschen waren“), weist ihn als pathologischen Misanthrophen aus: „Überall gibt es Menschen, dachte ich. Es gibt so viele, dass sie ihre Häuser bis an die Gleise bauen.“

Pauls Kriegslob kostete ihn vor Jahren die Stelle als Lehrer und scheint trotz medikamentöser Behandlung nur halb unter Kontrolle zu sein. Ein unzuverlässiger, schuldbeladener Erzähler ist als Mensch eine Enttäuschung, narrativ aber die reinste Freude. Mehr und mehr lesen wir diesen tragikomischen Roman gegen seinen Protagonisten, der sich als viel verwahrloster, kranker und aggressiver erweist, als wir ahnten. Nun fließt auch in den Erinnerungen zunehmend Blut. Dem wortreichen Dehnen der Moral liegt Verzweiflung zugrunde, ein unerklärlicher Lebensüberdruss: „Ähnlich kam mir manchmal das Leben vor, wie eine frisch angerichtete warme Mahlzeit, die langsam kalt wird. Ich wusste, dass ich essen musste, weil ich sonst sterben würde, aber ich verspürte keinen Appetit mehr.“ Wie weit wird dieser Mann gehen als Anwalt seiner Brut? Doch auch die anderen drei Elternteile wie die Söhne haben eine geheime Agenda: Ständig muss der Leser sein Radar neu justieren. Und nicht zuletzt das ist es, was dieses Buch so aufregend macht.

Erzählerischer Spitzenrealismus

Aus den Niederlanden, diesem „kleinen Land“, um es mit Bondscoach Bert van Marwijk zu sagen, kommt seit Jahren nicht nur Spitzenfußball, sondern auch ein erzählerischer Spitzenrealismus, was sich sogar wörtlich verstehen lässt: ein Realismus mit Spitzen. Da, wo deutsche Erzählungen gerne in Tiefsinn oder Schwermut abkippen, kippen die niederländischen mit Lust in den hintergründigen, schwarzen Humor. Was Dürrenmatt einst programmatisch formulierte, hier lebt es fort: „Die schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, ist die Wendung in die Komödie.“ Herman Koch, geboren 1953, ist denn auch nicht nur Schriftsteller, sondern zugleich Komiker und Schauspieler.

„Het Diner“, sein fünfter Roman, kletterte schnurstracks und für viele Monate an die Spitze der niederländischen Bestsellerliste – dorthin also, wo sich sonst nur Vampire befinden. Das niederländische Publikum verlieh dem Buch zudem den Preis „Das beste Buch des Jahres 2009“. Und um nun die Moral ein letztes Mal zu dehnen: Auch wenn Paul Lohmann ein pathologischer Fall sein mag, wie er diesen snobistischen Sterne-Kellner abserviert, das hat Klasse.

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