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Herbert Kapfers „1919“ : Und der Autor schreibt kein Wort

Am 21. Juni 1919 versenkte die Besatzung der nach dem Waffenstillstand in der schottischen Bucht von Scapa Flow festgesetzten deutschen Hochseeflotte ihre Schiffe, um sie nach der bevorstehenden Unterzeichnung des Friedensvertrags nicht übergeben zu müssen. Hier wird von Briten der Schlachtkreuzer „Hindenburg“ wieder gehoben. Bild: © SZ Photo / Scherl

Fürs Stimmenstakkato dieses Buchs sorgen andere: Herbert Kapfers Montagefiktion „1919“ aus literarischen Phantasmen erzählt die Geschichte eines deutschen Schicksalsjahres.

          Wollte man die eigentliche Bezeichnung dieses Buches in voller Umständlichkeit, wie sie sich auf dem Titelblatt im Vorsatz findet, hier nennen, wäre der Rezensionsplatz schon halb gefüllt. Denn Herbert Kapfer hat einen geradezu barocken Titel ersonnen, der alle seine literarischen Zulieferer nennt, samt deren Textgattungen. Und das sind jeweils viele. So viele, dass fast die ganze Titelseite beschrieben ist. Aber wir halten uns der Einfachheit halber an jenen Buchtitel, der Schutzumschlag und Einbandrücken schmückt, und der lautet denkbar knapp „1919“. Untertitel: „Fiktion“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Oder doch Gattungsbezeichnung? Herbert Kapfer sagt ja, aber sein Buch ist keine reine Fiktion. Es ist vielmehr eine Interpretation. Eine äußerst ungewöhnliche, weil sie nicht ausgeführt wird, sondern vorgeführt. Durch ein Collageprinzip. Herbert Kapfers „1919“ besteht aus lauter fremden Texten, der als Autor ausgewiesene Kompilator hat nach eigenen Angaben kaum fünfzig Wörter selbst darin geschrieben, und auch die nur in der Titelei, also den Überschriften der Kapitel. Deren gibt es knapp mehr als 120, generiert aus rund dreißig Quellen, die nahezu ausschließlich von deutschen Zeitzeugen des Jahres 1919 stammen und noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs publiziert wurden (die einzige Ausnahme ist Heiner Müller, der den Epilog mit einem Text aus dem Jahr 1977 zum Jahr 1945 bestreitet). Die kreative Eigenleistung Herbert Kapfers liegt darin, aus diesen Quellen einzelne Abschnitte herausgelöst und teilweise neu arrangiert zu haben, so dass sich aus dem Stimmenstakkato eine erzählerische Melodie ergibt. Und sogar so etwas wie eine Handlung. Das ist die „Fiktion“.

          Aus Romanen der Zwischenkriegszeit entnommen

          Kapfer, Jahrgang 1954, war bis zu seiner Pensionierung Leiter der Abteilung Hörspiel und Medienkunst beim Bayerischen Rundfunk. Das merkt man dem Kompositionsprinzip von „1919“ an, es entspricht der Montage von O-Tönen im Radio, nur dass sie hier zu lesen sind und weitgehend tatsächlich fiktiv, nämlich vorrangig aus Romanen der Zwischenkriegszeit entnommen; nur vereinzelt werden kurze Notizen aus Zeitungen oder Zeitschriften eingeschoben. Das unterscheidet Kapfers Buch auch von dem ähnlich arrangierten „Echolot“- Projekt Walter Kempowskis, in dem ausschließlich Realien versammelt sind: Nachrichtentexte, Tagebuchnotate, Heeresberichte et cetera. Kapfer setzt dagegen auf die erzählerische Kraft der Belletristik und auf die in ihren Texten enthaltene Wirklichkeitsanbindung, die wiederum über Umwege des Phantastischen und Drastischen mehr von der Zeitstimmung des Jahres 1919 wiedergibt, als es die historiographischen Quellen tun.

          Diese Überzeugung entstammt noch der Zeit vor Kapfers Radiokarriere. 1988 publizierte er den Band „Umsturz in München – Schriftsteller erzählen die Räterepublik“, also so etwas wie eine erste Rate des nunmehr erschienenen Buches. Einige der damals versammelten Stimmen sind jetzt wieder da: Oskar Maria Graf natürlich oder Ernst Toller. Und auch die spätere intensive Beschäftigung Kapfers mit der Dada-Bewegung hat reiche Früchte getragen: Bücher und Pamphlete von Richard Huelsenbeck und Hugo Ball sind geradezu das Rückgrat der neuen Textcollage – so weit, dass man sich als Titel auch eine Anleihe bei den 1920 erschienenen Erinnerungen Huelsenbecks gut hätte vorstellen können, die als „Deutschland muß untergehen!“ herauskamen.

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