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Henning Mankells letzter Roman : Das Alter ist ein Nebel über dem Meer

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Wo die See nur einen Steinwurf entfernt ist: Seit Tove Jansson hat kaum jemand die Welt der Schären so eindrucksvoll beschrieben wie Henning Mankell. Bild: Bildagentur Huber

Auch das Feuer, das sein Haus vernichtet, kann Welin nicht von der Schäreninsel vertreiben: Henning Mankells letzter Roman „Die schwedischen Gummistiefel“ ist ein tiefbewegendes Buch über das Altern und das Menschsein.

          Es ist rund zehn Jahre her, dass der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, dessen Name wohl auf ewig an den von ihm geschaffenen Kriminalkommissar Kurt Wallander gekettet sein wird, das etwas schwermütige Familiendrama „Die italienischen Schuhe“ vorlegte. Der Roman enthielt Elemente, die bei Mankell häufig auftauchen: den Fingerzeig auf das Flüchtlingselend zum Beispiel oder einen Einsamen, der an sich selbst ebenso leidet wie an der Welt.

          Henning Mankell (1948-2015), bekannt vor allem als Krimi-Autor, hinterlässt ein vielfältiges Werk.

          Aber er war tiefgründiger als die im Kern doch recht schematischen Krimis Mankells und vergleichsweise poetisch erzählt. In seiner einprägsamsten Szene bekommt ein Chirurg, der sich nach einer misslungenen Operation auf eine Schäreninsel weit draußen vor dem Festland zurückzog, Besuch von der alten Harriet, die er seit Jahrzehnten nicht sah. Sie steht an einem Wintertag einfach mit einem Rollator auf dem Eis, ist todkrank und bittet jenen Welin um einen Gefallen. Gemeinsam möchte sie einen See in Norrland besuchen, so wie es Welin der Schuhverkäuferin in ihrer Jugend, als sie noch ein Paar waren, versprach.

          Überall Wasser

          Welin erfüllt diesen Wunsch und Monate später auch Wunsch Nummer zwei: Er verbrennt Harriets Leichnam in einem mit Benzin übergossenen Kahn. Nur Harriets dritter Wunsch erweist sich als harte Nuss: Welin soll Verantwortung übernehmen und sich um Louise kümmern, die gemeinsame Tochter, von der er bis zu dieser Reise nicht wusste. Sie ist mittlerweile erwachsen, aber schon bald nach der Beerdigung wieder auf und davon.

          An diese Konstellation knüpft Mankells letzter, im Original kurz vor dem Tod des Schriftstellers im vergangenen Jahr veröffentlichter Roman „Die schwedischen Gummistiefel“ an. Diesmal ist der Ton, ob nun bedingt durch Mankells Krebserkrankung oder nicht, noch gedämpfter als in den „italienischen Schuhen“. Ja, vielleicht ist die erste Hälfte sogar das Poetischste, was seit Tove Janssons ungeahnt vielschichtigem Mumin-Roman „Pappan och Havet“ (auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Mumins Inselabenteuer“) über die Schärenlandschaft der Ostsee geschrieben worden ist, die auch eine Seelenlandschaft ist.

          Immer wieder besteigt Welin ein Boot, um sie zu durchqueren. Er fährt über das Meer, beobachtet die Felsen, die Häuser und die wenigen Menschen dazwischen. Er steuert einen stillen Laden im Hafen an, um wiederholt nach den bestellten Gummistiefeln zu fragen – nicht aber die Stadt dahinter oder gar das Internet, wo man diese Stiefel sicherlich schneller bekommen könnte.

          Lähmende Angst

          Er ist ein Mann des alten Jahrhunderts, das weiß er selbst am besten. Wenn er über das Leben seiner Großeltern nachdenkt, die das Haus in den Schären erbauten, über das Dasein seines Vaters, der als Kellner die Familie durchbrachte, oder die Jahresringe einer entwurzelten Eiche zählt, die im Jahr vor den europäischen Revolutionen von 1848 gepflanzt worden sein musste, überfällt ihn eine Angst vor dem Tod, die ihn lähmt.

          Diese Angst kannte er bislang nur von den todkranken Patienten, die verzweifelt zu weinen begannen, sobald ihr Besuch aus der Tür war. Und überall um ihn herum wird gestorben. Sogar der Fisch im Wasser ist auf einmal fort. „Das Altern war ein Nebel“, schreibt Mankell, „der still übers Meer herangezogen kam.“

          Das ist der raunende Ton des Romans. Er spielt nicht von ungefähr in der Nachsaison an der Schärenküste, und er beginnt, acht Jahre nach den Ereignissen des Vorgängers „Die italienischen Schuhe“, mit einem verheerenden Feuer, das mitten in der Nacht ausbricht. Es zerstört Welins Haus und überzieht seinen Apfelbaum mit tiefschwarzem Ruß. Fast alles ist weg. Die Möbel und Mauern ebenso wie die Tagebücher.

          Tramper-Tage seiner Jugend

          Welin bleibt trotzdem auf der Insel: Er richtet sich in einem Wohnwagen ein, in dem es, seinem Vorsatz zufolge, keinen Gott geben soll („Vielleicht streift er nachts auf der Insel herum? Vielleicht schlief er im Bootshaus? Hier würde ich ihn niemals einlassen“), vernarrt sich in eine junge Journalistin, weil die Sehnsucht nach einem anderen Körper auch im Alter nicht weicht. Ein bisschen gefällt er sich auch in der Rolle des Eigenbrötlers, dem das Schicksal kaum etwas ließ.

          Oder hat er das Feuer selbst gelegt, um die Versicherung einzuheimsen? Das jedenfalls glauben die Polizisten, die hin und wieder aus einem Boot klettern und die Brandruine fachmännisch durchsuchen. Welin, der Ich-Erzähler, der beim Gang über die Schären oft stolpert, wackelig im Boot steht und an seinem Kopf zu zweifeln beginnt, fürchtet es manchmal gar selbst.

          Erst als seine erwachsene Tochter wieder auftaucht, eine Frau, von der er weiterhin kaum etwas weiß, kehrt ein Hauch von Wiederaufbau- oder Lebenswillen zurück. Louise ist nicht nur bestürzt über das, was geschah. Sie erwartet ein Kind, wobei Louise im Mankellschen Universum natürlich eine politisch engagierte, am Rande des Existenzminimums lebende Frau ist, der Vater ein Algerier mit behindertem kleinen Bruder. Das findet Welin heraus, als er der eigensinnigen Tochter bis nach Paris hinterherreist, in Gedanken ständig den Tramper-Tagen seiner Jugend und der jungen Journalistin nachhängend – das schwächste Kapitel des Buches.

          Flucht in Trotz-Optimismus

          Aber das heißt nichts in einem starken Roman. Denn nach der Paris-Episode nimmt die Geschichte wieder Fahrt auf. Mankell bringt uns in die Schären zurück, schließlich muss die Frage nach der Ursache des Feuers noch geklärt werden. Und sie wird es: mit einer Szene auf dem Meer, die man ebenso im Kopf behalten wird wie die Rollator-Szene in den „italienischen Schuhen“.

          Vorher aber gilt Mankells Blick noch einmal den Schärenbewohnern. Die meisten von ihnen sind auffallend einsam, einige sympathisch verschroben, andere traurig verloren. Manche haben kaum mehr als ihren Berufsstolz oder eine Gewohnheit, die sie durchs Leben trägt. Viele eint die Angst vor dem Ungewohnten, so dass in diesem verlassenen Stück Schweden das Fremde für alles verantwortlich gemacht wird – vom Verschwinden der Barsche bis zu Diebstählen. Als ein junger Fischer bei einer Gemeindeversammlung gegen die „unkontrollierte Einwanderung“ wettert und die „Politiker, die ihnen erlaubten, in unserem Land zu wüten, wie sie wollten“, steht ein Mann nach dem anderen zustimmend auf.

          Tröstliches Ende

          Welin ist in diesem Moment erschrocken darüber, wie man sich in vermeintlich vertrauten Menschen täuschen kann. Aber auch abgeklärt: Menschen sind „nie ganz und gar diejenigen, für die man sie hält“, weiß er seit einem Nachmittag als Kind, an dem ihn sein Großvater mit auf das Meer nahm. Und er weiß es auch durch den Blick in die Historie. Er fiebert der Geburt seines Enkelkindes entgegen, als werde die nächste Generation die Welt schon irgendwie richten. Just an dem Ort, an den er selbst vor der Welt floh, flüchtet er sich in Trotz-Optimismus.

          So klingt denn auch der Schluss-Satz, ein letzter Satz gleich in mehrfacher Hinsicht, beinahe tröstlich: „Bald würde der Herbst kommen. Aber die Dunkelheit schreckte mich nicht mehr.“

          Ob das stimmt? Die Frage schwingt mit. Henning Mankell hat mit „Die schwedischen Gummistiefel“ jedenfalls ein tiefbewegendes Buch über das Altern, die Einsamkeit und das Menschsein geschrieben, für das man die „italienischen Schuhe“ nicht unbedingt gelesen haben muss. Es fließt sachte und verlässlich dahin, die politisierenden Abschnitte über eine Welt, die dem alternden Welin „mit jedem Tag immer unbegreiflicher“ scheint, sind meistens geschickt eingestreut, das Brandstifter-Rätsel trägt weit. Und der Wind rauscht, die Boote gleiten im Wasser dahin. Als Henning Mankell vor einem knappen Jahr starb, war er 67 Jahre alt.

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