https://www.faz.net/-gr3-8lgw4

Henning Mankells letzter Roman : Das Alter ist ein Nebel über dem Meer

  • -Aktualisiert am

Wo die See nur einen Steinwurf entfernt ist: Seit Tove Jansson hat kaum jemand die Welt der Schären so eindrucksvoll beschrieben wie Henning Mankell. Bild: Bildagentur Huber

Auch das Feuer, das sein Haus vernichtet, kann Welin nicht von der Schäreninsel vertreiben: Henning Mankells letzter Roman „Die schwedischen Gummistiefel“ ist ein tiefbewegendes Buch über das Altern und das Menschsein.

          4 Min.

          Es ist rund zehn Jahre her, dass der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, dessen Name wohl auf ewig an den von ihm geschaffenen Kriminalkommissar Kurt Wallander gekettet sein wird, das etwas schwermütige Familiendrama „Die italienischen Schuhe“ vorlegte. Der Roman enthielt Elemente, die bei Mankell häufig auftauchen: den Fingerzeig auf das Flüchtlingselend zum Beispiel oder einen Einsamen, der an sich selbst ebenso leidet wie an der Welt.

          Henning Mankell (1948-2015), bekannt vor allem als Krimi-Autor, hinterlässt ein vielfältiges Werk.
          Henning Mankell (1948-2015), bekannt vor allem als Krimi-Autor, hinterlässt ein vielfältiges Werk. : Bild: dpa

          Aber er war tiefgründiger als die im Kern doch recht schematischen Krimis Mankells und vergleichsweise poetisch erzählt. In seiner einprägsamsten Szene bekommt ein Chirurg, der sich nach einer misslungenen Operation auf eine Schäreninsel weit draußen vor dem Festland zurückzog, Besuch von der alten Harriet, die er seit Jahrzehnten nicht sah. Sie steht an einem Wintertag einfach mit einem Rollator auf dem Eis, ist todkrank und bittet jenen Welin um einen Gefallen. Gemeinsam möchte sie einen See in Norrland besuchen, so wie es Welin der Schuhverkäuferin in ihrer Jugend, als sie noch ein Paar waren, versprach.

          Überall Wasser

          Welin erfüllt diesen Wunsch und Monate später auch Wunsch Nummer zwei: Er verbrennt Harriets Leichnam in einem mit Benzin übergossenen Kahn. Nur Harriets dritter Wunsch erweist sich als harte Nuss: Welin soll Verantwortung übernehmen und sich um Louise kümmern, die gemeinsame Tochter, von der er bis zu dieser Reise nicht wusste. Sie ist mittlerweile erwachsen, aber schon bald nach der Beerdigung wieder auf und davon.

          An diese Konstellation knüpft Mankells letzter, im Original kurz vor dem Tod des Schriftstellers im vergangenen Jahr veröffentlichter Roman „Die schwedischen Gummistiefel“ an. Diesmal ist der Ton, ob nun bedingt durch Mankells Krebserkrankung oder nicht, noch gedämpfter als in den „italienischen Schuhen“. Ja, vielleicht ist die erste Hälfte sogar das Poetischste, was seit Tove Janssons ungeahnt vielschichtigem Mumin-Roman „Pappan och Havet“ (auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Mumins Inselabenteuer“) über die Schärenlandschaft der Ostsee geschrieben worden ist, die auch eine Seelenlandschaft ist.

          Immer wieder besteigt Welin ein Boot, um sie zu durchqueren. Er fährt über das Meer, beobachtet die Felsen, die Häuser und die wenigen Menschen dazwischen. Er steuert einen stillen Laden im Hafen an, um wiederholt nach den bestellten Gummistiefeln zu fragen – nicht aber die Stadt dahinter oder gar das Internet, wo man diese Stiefel sicherlich schneller bekommen könnte.

          Lähmende Angst

          Er ist ein Mann des alten Jahrhunderts, das weiß er selbst am besten. Wenn er über das Leben seiner Großeltern nachdenkt, die das Haus in den Schären erbauten, über das Dasein seines Vaters, der als Kellner die Familie durchbrachte, oder die Jahresringe einer entwurzelten Eiche zählt, die im Jahr vor den europäischen Revolutionen von 1848 gepflanzt worden sein musste, überfällt ihn eine Angst vor dem Tod, die ihn lähmt.

          Diese Angst kannte er bislang nur von den todkranken Patienten, die verzweifelt zu weinen begannen, sobald ihr Besuch aus der Tür war. Und überall um ihn herum wird gestorben. Sogar der Fisch im Wasser ist auf einmal fort. „Das Altern war ein Nebel“, schreibt Mankell, „der still übers Meer herangezogen kam.“

          Das ist der raunende Ton des Romans. Er spielt nicht von ungefähr in der Nachsaison an der Schärenküste, und er beginnt, acht Jahre nach den Ereignissen des Vorgängers „Die italienischen Schuhe“, mit einem verheerenden Feuer, das mitten in der Nacht ausbricht. Es zerstört Welins Haus und überzieht seinen Apfelbaum mit tiefschwarzem Ruß. Fast alles ist weg. Die Möbel und Mauern ebenso wie die Tagebücher.

          Weitere Themen

          Ein Sneaker als Wertanlage

          Nike Air Jordan 4 : Ein Sneaker als Wertanlage

          Virgil Abloh kooperiert mit Nike: Eine Legende der Sneaker-Geschichte kommt in der Off-White-Version zurück. Es war das erste Jordan-Modell, das auf der ganzen Welt vertrieben wurde. Die Kolumne Sneak around.

          Topmeldungen

          SPD-Kandidat Thomas Westphal mit seiner Frau Janine

          OB-Stichwahl in Dortmund : Die SPD verteidigt ihre „Herzkammer“

          Grüne und CDU hatten in Dortmund ein Bündnis gegen die seit 74 Jahren regierenden Sozialdemokraten gebildet. Trotzdem kann sich SPD-Kandidat Thomas Westphal bei den Oberbürgermeisterstichwahlen mit klarem Abstand auf seinen Herausforderer Andreas Hollstein durchsetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.