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Helmut Böttiger: „Die Gruppe 47“ und Hans Werner Richter: „Mittendrin“ : Große Nachricht aus der Welt von gestern

Natürlich charakterisiert Richters Tagebuch auch andere Schriftsteller und Kritiker, nicht selten herb, oft boshaft. Günter Grass: ein „Mittänzer, Vortänzer, Nachtänzer“, der nach einem Begräbnis „vor der Friedhofsmauer schon wieder Autogramme“ gibt. Heinrich Böll: „verquastes Denken, bramarbasierende Moral“. Martin Walser: „der stilistisch Beste und politisch Dümmste“. Peter Handke: „Akrobat seines eigenen Ruhms“. Walter Jens, Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser: „alle vier besessen von Ehrgeiz, Ruhmsucht“. Aber diese hingeworfenen Sottisen bleiben im Rahmen von Richters eigenem Wichtigkeitsstreben und werden bei Bedarf rasch revidiert: Dann ist ein jeder der gerade Beschimpften wieder ein guter Freund.

Mit Schwung und Sorgfalt

Mit Enzensberger verhielt es sich anders. Denn in ihm erkannte Richter eben nicht nur den Rädelsführer, sondern vor allem den intellektuellen Kopf einer „Literatenrevolution“, die seinem Verständnis nach „Ideologie“, „Technokratie“ und „Soziologie“ auf ihre Fahnen schrieb und damit alles verdarb - gerade die enorme gesellschaftliche Wirkung der Gruppe 47. Mit Willy Brandt hatte Richter endlich einen Kanzler nach seiner Façon, mit der Mondlandung begann für ihn „das planetarische Zeitalter“. Literarisch aber sehnte er sich in die ersten Nachkriegsjahre zurück und wusste doch, dass er mitten in einem Endspiel war. Nichts veranschaulicht das so genau und traurig wie der Tagebucheintrag zum sechzigsten Geburtstag im November 1968. Zwar waren alle zur Feier gekommen, aber keiner sagte ein Wort: „Schließlich mußte ich mir selbst meine Geburtstagsrede halten.“

Zum 65. Geburtstag der Gruppe 47 hat der Literaturkritiker und Essayist Helmut Böttiger jetzt ein stattliches Werk zu deren Geschichte vorgelegt. Man kann es fast ohne Vorbehalt rühmen. Es ist ganz eigenständig, obwohl es sich tapfer durch die Fülle an Brief-, Memoiren- und Sekundärliteratur arbeiten muss, die sich angesammelt hat. Es ist klar und verständlich, es erzählt mit Schwung, aber auch mit Sorgfalt und einem untrüglichen Sinn für Gerechtigkeit - gerade die heftigen Vorwürfe etwa des Literaturhistorikers Klaus Briegleb oder des Schriftstellers W. G. Sebald, Richter selbst und mit ihm die ganze Gruppe seien gegenüber den nach 1945 zurückgekehrten Autoren der Emigration abweisend, ja feindselig gewesen und antisemitisch obendrein, kann Böttiger mit den besten Quellen-Gründen widerlegen, zumindest stark relativieren.

Zu Recht pathetisch

Die zahlreichen Exkurse - etwa zum Hörfunk in der Nachkriegsepoche, zu der von Walter Höllerer gegründeten Zeitschrift „Akzente“ oder zur tragischen Geschichte des Literatenpaares Gisela Elsner und Klaus Roehler - sind für sich erhellend, bleiben jedoch auf den Kern des Geschehens bezogen, auf die signifikanten Tagungen der Gruppe mithin. Anschaulich passieren sie noch einmal Revue. Die wirkliche und mit Evidenz vorgetragene Pointe des Buchs aber besteht darin, dass Böttiger just jenen „Verräter“ zum „personifizierten Symbol“ der Gruppe 47 promoviert, den Richter als den Verursacher des Untergangs ausgemacht hatte. Weit mehr noch als Grass, so die These, habe Enzensberger durch seine virtuose und „unverwechselbare Medienpraxis“, durch seine Rolle als „Avantgardist des Zeitgeistes“ und durch „den Umgang mit der Öffentlichkeit“ ebendas bewirkt, was von der Gruppe bleibe: „die Erfindung des bundesdeutschen Literaturbetriebs“.

Der Untertitel von Böttigers Buch ist zu Recht pathetisch: „Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb“ lautet er. Mit seiner zentralen These weicht der Autor diesem Pathos dann aber immer wieder gezielt aus, weil und indem er die Gruppe 47 letztlich zu einer Betriebserfindungs-maschine verkleinert. Das ist der Vorbehalt, den Böttiger hervorruft. Aber vielleicht ist er, Jahrgang 1956, einfach ein paar Jahre zu jung, um das Singuläre des historischen Moments ermessen zu können. Als Richter mit der Bielefelder Oberstufe diskutierte, war Böttiger noch nicht einmal elf Jahre alt.

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