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Auf der Longlist : Momente der Freiheit

Sehnsuchtsort und Projektionsfläche: So ähnlich wie der Kanzlerbungalow sieht wohl auch das Haus von Georg und Maria aus. Bild: Picture-Alliance

„Bungalow“, Helene Hegemanns neuer Roman, erzählt von einer desaströsen Mutter-Tochter-Beziehung. Er steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Zu Recht?

          6 Min.

          Man kann jetzt natürlich wieder von vorne anfangen und erzählen, wie alles begonnen hat. Dass Helene Hegemann bekannt wurde, als sie 17 Jahre alt war. Dass sie damals einen Roman geschrieben hat, „Axolotl Roadkill“, der erst gefeiert und dann, teilweise von denselben Leuten, nicht mehr gefeiert wurde, als sich herausstellte, dass Passagen daraus wörtlich auch im Blog des Schriftstellers Airen zu finden waren. Dass Journalisten glaubten, in „Axolotl Roadkill“ das echte Leben abgebildet zu sehen und deshalb in Berlin aufgeregt ins „Berghain“ gingen, um aufgeregte Reportagen über den Club zu schreiben, der im Roman vorkam – aber wozu?

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Helene Hegemann ist 26 Jahre alt. Sie muss niemandem mehr beweisen, dass sie eine ernstzunehmende Schriftstellerin und Filmregisseurin ist, wollte es wahrscheinlich auch nie, sondern hat einfach weitergemacht. Sie hat ihr erstes Buch unter dem Titel „Axolotl Overkill“ mit Jasna Fritzi Bauer in der Hauptrolle in einer so eigenen Bildsprache verfilmt, dass sie damit im vergangenen Jahr beim Sundance Festival mit dem World Cinema Dramatic Special Jury Award ausgezeichnet wurde. Und sie hat nach „Jage zwei Tiger“ ihren dritten Roman geschrieben, der seit vergangener Woche auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht, obwohl er überhaupt erst jetzt erscheinen wird. Als erste Nachricht über ein neues Buch ist das natürlich nicht schlecht.

          Ihr denkt an Sex? Hier habt ihr ihn

          „Bungalow“ heißt der neue Roman. Aber Helene Hegemann lässt uns ohne weiteres nicht hinein in diesen „Bungalow“. Sie macht es uns nicht leicht, weil man erst mal überhaupt nicht begreift, wo man ist und um wen es hier geht. „Ich war siebzehn, wir durften das Haus nicht verlassen wegen Ozonwarnung“, lautet der erste Satz, der ein unmissverständlicher Hinweis darauf ist, dass es ein Ich ist, das hier erzählt. Doch ist über das Ich zunächst wenig in Erfahrung zu bringen. Jedenfalls nicht viel mehr, als dass dieses siebzehnjährige Mädchen-Ich mit dem Oberkörper auf einer Waschmaschine liegt, während sie mit einem Mann herummacht, der Georg heißt, und sie dabei eine horizontal gestreifte Strickjacke trägt, in der eine Frau namens Maria normalerweise den Müll wegbringt.

          Helene Hegemann: „Bungalow“. Roman. Hanser Berlin, 288 Seiten, 23 Euro.

          Sie stößt den Mann weg, so dass er mit dem Hinterkopf an Holzregale knallt, und würgt ihn, so dass er kurz ohnmächtig ist. Dann erklärt sie, dass sie, weil sie eine brutale Spielerin sei, so interessant für Georg und Maria sei, mit denen sie in einer Art Dreiecksverhältnis zu leben oder sich in dieses hinzuphantasieren scheint. Es wäre unaufrichtig zu behaupten, dass man beim Lesen von dieser Szene gebannt wäre oder durch sie ins Buch hineingezogen würde. Wird man nicht. Eher wirkt der ganze Anfang wie die Karikatur eines Helene-Hegemann-Romans oder wie das, was man sich darunter vorstellen könnte. Wie ein ironischer Einstieg: Ihr denkt an Sex? Hier habt ihr ihn, und auch gleich ziemlich brutal.

          Dass dann das folgende Kapitel mit der Geschichte von Georgs Großvater weitergeht und das übernächste damit, dass Maria, eine Schauspielerin, sämtliche altgriechischen Philosophen im Original gelesen habe, als sie zwanzig war, macht es nicht besser. Wieso man sich für die beschriebenen Figuren, deren Leben unvollständig rekapituliert wird, interessieren soll, ist tatsächlich überhaupt nicht klar. Dann ist man auf Seite 47, so lange muss man schon durchhalten. Denn auf Seite 47 geht es richtig los.

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