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Hegemann über Smith : Aliens und Obdachlose

„Godmother of Punk“:Die amerikanische Sängerin Patti Smith Bild: picture alliance / Photoshot

Die Schriftstellerin Helene Hegemann hat ein kurzes Buch über die amerikanische Künstlerin Patti Smith geschrieben. Aber es ist viel mehr als das.

          3 Min.

          Es ist eine Verkettung lebensrettender Umstände. Eine Begegnung in Wien, in einer Mehrzweckhalle, die als Probebühne für eine Inszenierung des Regisseurs Christoph Schlingensief dient. Helene Hegemann ist dreizehn, fast vierzehn, und Patti Smith achtundfünfzig. Hegemann weiß aber nicht, dass es Patti Smith ist. Sie hält sie für eine Obdachlose mit ihren langen Haaren und ihrem durchlöcherten Mantel. Die Frau spricht sie auf Englisch an, aber Helene Hegemann versteht kein Englisch, nickt und grinst deshalb auch nicht, sondern sitzt einfach da wie ein kleiner Zinnsoldat.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Siebenundsechzig Tage davor, im Herbst 2005, tanzte die Dreizehnjährige zu Patti Smiths „Because the night“ – allerdings zu der schlechten Coverversion von Jan Wayne – bei einer westdeutschen Meisterschaft. Das Lied gefiel ihr nicht, trotzdem gewann sie. Es war der bis dahin größte Erfolg ihres Lebens, eine Mischung aus Cheerleading, MTV und Breakdance in einer Turnhalle im Ruhrgebiet zwischen zwei Kleinstädten.

          Sechs Stunden später starb Helene Hegemanns Mutter an einer Gehirnblutung, und das Mädchen blieb allein in jener Sozialwohnung zwischen Sonnenstudio, Gemeindehalle und Spielplatz zurück, in der sie mit der Mutter lebte. Auf dem Spielplatz übernachteten immer wieder kleine Kinder unter dem Klettergerüst, weil ihre Eltern zu betrunken waren, um ihnen die Haustür zu öffnen. „Ich haute Möbel kaputt, versuchte ab und zu, mir den Arm zu brechen, starrte tagelang auf dieselbe Stelle. Und ich heulte nicht, kein einziges Mal. Es war, als drückte mich ihr Tod in eine verschimmelnde Matratze. Als müsste ich jeden Muskel bis zur Verkrampfung anspannen, um nicht mit diesem Schimmel zu verschmelzen,“ schreibt sie jetzt in ihrem kurzen neuen Buch, „Patti Smith“.

          Die Schriftstellerin Helene Hegemann
          Die Schriftstellerin Helene Hegemann : Bild: Claudia Klein

          Auch die Mutter hatte Patti Smith gehört. Allerdings nicht an den guten Tagen. Wenn alles gut lief, lief eher keine Musik. Uferte einer ihrer schizophrenen Zustände allerdings in Melancholie aus, so dass sie, alkoholabhängig, zwanzig Minuten lang mit Gleichgewichtsschwierigkeiten ihr eigenes Spiegelbild anstarrte, dann drehte die Mutter David Bowie, The The, Grace Jones oder Sam Brown so laut auf, dass die Tochter, wenn sie von der Schule nach Hause kam, die Bässe schon durch das Treppenhaus wummern hören konnte. Oder Patti Smith, die auch zu den Dämonen der Mutter gehörte und deren Lieder der Tochter anzeigten, dass ein Kampf um Leben und Tod bevorstand. Die Geschichte von Patti Smith und Helene Hegemann beginnt deshalb eigentlich auch nicht mit ihrer Begegnung in Wien, sondern davor schon, mit der Angst des Mädchens vor der Musik von Patti Smith, die für sie kein gutes Zeichen war.

          Als sie nach dem Tod der Mutter allein in der Wohnung sitzt, klingelt das Telefon und der Vater, Carl Hegemann, ruft an. Er ist in Wien als Dramaturg auf einer Konzeptionsprobe im Theater. Das Kind weiß nicht, wovon der Vater, der sich gerade erst daran erinnert, dass er ein Kind hat, spricht. Es weiß nicht, wer Parsifal und Schlingensief sind. Es schreit. Und als er fragt, ob sie nach Wien kommen will, packt Helene Hegemann ihren Rucksack und fliegt hin. Zum gleichen Zeitpunkt ist Patti Smith noch in New York. Sie kommt drei Tage nach ihr in Wien an, weil sich Smith und Schlingensief ein Jahr zuvor durch Zufall in Bayreuth kennengelernt haben. Es stürmte, und die Musikerin suchte Zuflucht in einem Hotel, in dem der Regisseur mit seinem Ensemble feierte. Die Menschen, die Helene Hegemann nach ihrer Landung trifft, so schreibt sie es, „waren Aliens. Das war nicht nur eine Erweiterung der Welt, das fühlte sich nach einem neuen Planeten an“.

          Dieser neue Planet und die Aliens retteten ihr das Leben. Und so ist, wenn Helene Hegemann nach ihren Romanen „Axolotl Roadkill“, nach „Jage zwei Tiger“ und „Bungalow“ jetzt „Patti Smith“ veröffentlicht, diese autobiografische Erzählung eine Lebensrettungsgeschichte mit unglaublicher Wucht.

          Hundertzwölf Seiten ist dieses Buch nur lang, für das die Autorin wahrscheinlich alles gelesen, gehört und auf Youtube gesehen hat, was es zu und von der 1946 in Chicago geborenen Lyrikerin, Rockmusikerin, Singer-Songwriterin, Fotografin und Malerin, der „Godmother of Punk“ gibt. Überall macht sie Beziehungen auf, versteckt kleine Verweise und verwandelt die Antwort auf die Frage, warum Patti Smith für ihr Leben so wichtig ist, in ein sprachliches Feuerwerk aus Erinnerung, Reflexion, Recherchiertem und Humor. Smith als Hohepriesterin der Auflehnung, der Freiheit oder der Geschlechterindifferenz zu huldigen, liegt ihr dabei fern. Huldigung ist nicht ihr Modus. Woraus Helene Hegemann Funken schlägt, ist Ambivalenz – die eigentliche Voraussetzung für Literatur.

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